Teeröl-Funde bei Abbau historischer Strom-Masten
Die Ampel an der B 292 ist schon wieder Geschichte – für wenige Minuten hielt sie in den vergangenen Tagen den Verkehr zwischen Sinsheim und Waibstadt an. Mitarbeiter einer Baufirma kappten die letzten Leitungsseile einer fast Hundert Jahre alten Stromtrasse die auch über die Bundesstraße bei Waibstadt führte. Die Aktion war Teil einer großangelegten Demontage, die sich über 67 Kilometer zwischen Mannheim und Ludwigsburg erstreckt und bis 2027 abgeschlossen sein soll.
Gefahrgut in Fundamenten: Teeröl-imprägnierte Holzschwellen
Doch der Rückbau offenbart nun, dass in den Fundamenten ein historisches Gefahrgut schlummert: Teeröl-imprägnierte Holzschwellen, die nun fachgerecht entsorgt werden müssen. Die Leitung, errichtet im Jahr 1927, war bis zuletzt an die TransnetBW verpachtet und wurde erst in diesem Jahr endgültig außer Betrieb genommen. Seitdem laufen die Rückbauarbeiten Abschnitt für Abschnitt – teils mit Kran, teils mit Helikopter. Die meisten Autofahrer auf der B 292 dürften die Arbeiten nur am Rande bemerkt haben: Zwei Tage lang regelte eine Ampel den Verkehr jeweils nur für wenige Minuten, wenn die Monteure die dicken Bündelleiterseile von den Querträgern lösten und zur Seite zogen. Danach war der Abschnitt auch schon wieder frei. Ganz abgeschlossen ist die Sache in der Region aber noch nicht.
In Sinsheim selbst steht der nächste Schritt bereits an: Zwischen Steinsfurt und Adersbach verläuft ebenfalls ein Teil der alten Hochspannungsleitung. Dort sollen die Arbeiten voraussichtlich mit Hilfe eines Gerüstsystems durchgeführt werden. Noch laufen die Voruntersuchungen, ob eine kurzzeitige Sperrung oder Ampelregelung notwendig wird. Auch auf der B 45 zwischen Zuzenhausen und Meckesheim kreuzt die Trasse die Bundesstraße – auch dort ist künftig mit kurzzeitigen Eingriffen in den Verkehr zu rechnen.
Nach Angaben von Amprion sind sonst lediglich kleinere Wirtschaftswege betroffen, die über Streckenposten gesichert werden. Fuß- und Radwege müssen nach derzeitigem Stand nicht gesperrt werden. Ein Aspekt, der bei einem Rückbau dieser Größenordnung nicht ganz alltäglich ist, betrifft den Untergrund: Viele der Masten stammen noch aus den 1920er Jahren, als Holzschwellenfundamente üblich waren. Diese wurden mit Teeröl imprägniert, um sie haltbar zu machen – ein Stoff, der heute als umweltbelastend gilt. Nach Angaben des Unternehmens sind solche Holzfundamente bei Tragmasten verbaut worden. Größere Abspannmasten wurden bereits damals mit Betonfundamenten errichtet.
Grundwasser nicht in Gefahr
Um Risiken auszuschließen, hat Amprion die betroffenen Standorte vorab untersucht und an den Mastfüßen Bohrungen vorgenommen. „Fast alle Fundamente liegen trocken, das Grundwasser beginnt erst in sechs bis sieben Metern Tiefe“, heißt es von Seiten des Unternehmens. Nur an wenigen Stellen werden daher Grundwassermessstellen eingerichtet. Eine spezialisierte Fachfirma übernimmt den Ausbau und die fachgerechte Entsorgung eventuell belasteter Holzreste samt Boden. Das Thema ist kein Einzelfall, sondern ein bekanntes Phänomen bei Freileitungen dieser Bauzeit. Nach der Entsorgung werden die Gruben mit sauberem Erdreich wieder verfüllt. Eine Wasserhaltung oder großflächige Bodensanierung ist bislang nicht erforderlich.
Freiraum für die Kraichgau-Landschaft
Wenn die alten Masten gefallen sind werden große Teile der Kraichgau-Landschaft wieder frei: Über viele Jahrzehnte prägten die hohen Gittertürme das Landschaftsbild. Sie gehörten zu einer der ersten großen Hochspannungsleitungen, die vom Konzern RWE errichtet wurde, um die Umspannwerke Mannheim und Ludwigsburg zu verbinden. Die gut 67 Kilometer lange Trasse hat nun ausgedient, da ihre Kapazitäten nicht mehr den heutigen Anforderungen des Stromnetzes entsprechen. Der Eigentümer Amprion baut die 220 Kilovolt Leitung zurück, weil neuere, leistungsfähigere 380 Kilovolt Trassen den Stromtransport in der Region übernommen haben. Diese Stromstärken sind unter anderem für die Energiewende und den Transport erneuerbarer Energien aus dem Norden essenziell.
Wann genau die Arbeiten auf der Strecke zwischen Steinsfurt und Adersbach sowie bei Zuzenhausen beginnen, steht noch nicht fest, hieß es von Amprion.















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