Es ist spät Abends auf der „Ranch“. Wenn im beschaulichen Obergimpern längst die Bordsteine hochgeklappt sind, flimmert am Ortsrand das bläuliche Licht von Bildschirmen durch den Dunst von Grillkohle und Lagerfeuer. Manche starren konzentriert auf die vorbeizischenden Scheinwerfer im fernen Frankreich. Andere sind im Liegestuhl weggenickt – das Bier noch fest im Griff, während die Motoren im Fernsehen mit 15.000 Umdrehungen schreien. Willkommen beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans, mitten im Kraichgau.
Bereits zum dritten Mal hat der Motorradclub Obergimpern (MCO) zum kollektiven Wachbleiben geladen. Die Idee der Organisatoren Holger Funk und Thomas Wittmann ist simpel: Da die 900 Kilometer Anreise an die echte Rennstrecke für die meisten zu weit sind, holt man sich den Mythos Le Mans einfach in den Club-Garten. Es ist ein Treffen mit echtem Selbstversorger-Charakter: Der Club stellt die Feuerstelle und den Grill, den Rest bringen die rund 50 PS-Begeisterten selbst mit. Zwischen Wohnmobilen, Pavillons und dem Clubhaus ist eine Community entstanden, die sogar Gäste aus dem Elsass und dem Schwarzwald anlockt.
Ein Weltmeister ohne Führerschein
Der eigentliche Grund für das nächtliche Fiebern trägt einen Helm mit Yamaha-Logo und ist eines von rund 190 Mitgliedern des MCO: Marvin Fritz. Dass der Doppel-Weltmeister ausgerechnet in Obergimpern seine Vereinsheimat hat, verdankt der Club einem glücklichen Zufall und alten Motocross-Freundschaften.
Doch Fritz ist ein Phänomen mit einer kuriosen Note: „Marvin hat gar keinen Motorradführerschein“, verraten Funk und Wittmann schmunzelnd. Wenn die Clubkameraden gemütlich durch den Kraichgau tuckern, darf der Profi nur dort ans Gas, wo es keine Straßenschilder gibt. Auf der Rennstrecke bewegt er Maschinen im Wert von über 230.000 Euro – Technik-Monster, die für einen normalen Sterblichen kaum beherrschbar wären. „Das ist, als würde ein Lionel Messi oder ein Bastian Schweinsteiger bei uns im Club sitzen“, ziehen die Organisatoren den Vergleich zum Fußball.
Auf der Dorf-Bierbank geht es um High-Tech-Elektronik
Trotz seiner sportlichen Fallhöhe – Fritz gehört zum Yamaha Austria Racing Team (YART), dem „Ferrari der Motorradwelt“ – ist er auf der Ranch einfach nur der Kumpel von nebenan. Wenn er nicht gerade mit 300 km/h über den Asphalt jagt, sitzt er mit den Gimpernern zusammen und erzählt von Reifenstrategien und Teamtaktiken. Dass er ständig seinen Aufenthaltsort für die Anti-Doping-Kontrolleure angeben muss, ist der einzige Moment, in dem der harte Profi-Alltag in die Idylle reinpfuscht.
Am Abend liegt Fritz auf Platz zwei, zeitweise führt er das Feld sogar an. Doch in Obergimpern weiß man: Bei 24 Stunden ist alles möglich. Letztes Jahr rauchte der BMW-Konkurrenz kurz vor Schluss der Motor ab, was Fritz den Titel bescherte. „Technik, Glück und Sitzfleisch“, das sind die Zutaten für Le Mans.
Die „Ranch“ als Nabel der Welt
Sonntagfrüh geht langsam die Sonne über Obergimpern auf. Die ersten Kaffeetassen lösen Bierflaschen ab und das Rennen läuft unerbittlich weiter. Es gibt keine große Show – nur die Verbundenheit zum Sport und zu ihrem Marvin. Für einen Ort mit 1.800 Einwohnern ist die Dichte an Motorrad-Enthusiasten ohnehin rekordverdächtig.
Ob Fritz am Ende ganz oben auf dem Treppchen steht, ist am Sonntagmittag fast zweitrangig. Was bleibt, ist das Gefühl, 24 Stunden lang Teil von etwas Großem gewesen zu sein – ohne dafür weit fahren zu müssen. In Obergimpern wird Weltklasse am liebsten im Kreise der Kumpels gefeiert. Und wenn der Weltmeister dann wieder da ist, wird er sicher wieder gefragt: „Und Marvin, wann machst du jetzt eigentlich mal deinen Lappen?“













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