Sinsheim

Anwohner von neuer 30er-Zone in Weiler überrascht

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Anwohner von neuer 30er-Zone in Weiler überrascht

Wer von Hilsbach kommend nach Weiler hineinfährt, muss den Fuß seit Donnerstag deutlich früher vom Gas nehmen. Die Stadt hat die Geschwindigkeitsbeschränkung um rund 600 Meter erweitert. Eine Maßnahme, die bei Anwohnern für Aufatmen, bei Pendlern für Überraschung und im Rathaus für juristische Präzisionsarbeit sorgt.

Walter Mallinger sitzt auf seiner Terrasse und genießt etwas, das es hier in dieser Form lange nicht gab: Relative Ruhe. Mallinger bewohnt das erste Wohnhaus der Kaiserstraße, direkt dort, wo die neue Regelung greift. „Die ersten Tage waren eine Wohltat“, berichtet er. Früher seien die Autos oft mit 50, teils sogar 60 Stundenkilometern an seiner Hofeinfahrt vorbeigebraust. Dass sich etwas geändert hat, merkte das Ehepaar Mallinger erst mit Verzögerung. „Wir haben es erst am zweiten Tag gesehen, als wir selbst mit dem Auto weggefahren sind und die Schilder entdeckten“, schmunzelt er. Nachts habe man den Lärm ohnehin weniger gehört – „da schlafen wir bei geschlossenen Fenstern“ –, aber für die Lebensqualität im Freien sei das neue Limit ein Segen.

Die Erweiterung kommt für viele überraschend. Lange Zeit galt Weiler als „zu leise“ für Tempo 30 auf der Hauptstraße. Während Sinsheim und Ortsteile wie Dühren oder Rohrbach bereits Anfang 2024 im Zuge des EU-weiten „Lärmaktionsplans“ ausgebremst wurden, blieb Weiler außen vor. Die Begründung damals: Mit weniger als 8.200 Fahrzeugen pro Tag seien die Hürden für den Lärmschutz nicht übersprungen worden.DSC02845

Warum also jetzt der Sinneswandel? „Nach dem Lärmaktionsplan ist vor dem Lärmaktionsplan“, hatte Florian Zangl, Leiter des Sinsheimer Ordnungsamtes, schon früher prophezeit. Doch auch im Lärmaktionsplan 2025 taucht Weiler in der Maßnahmenliste nicht auf. Die nun umgesetzte Reduzierung folgt deshalb einer anderen rechtlichen Logik. Auf Nachfrage stellt Zangl nun klar: Die neue Regelung in Weiler ist kein klassischer Lärmschutz nach Plan, sondern eine Einzelfallentscheidung auf neuer Rechtsgrundlage.

Der Gesetzgeber hat die Spielräume für Kommunen erweitert. „Wir haben die rechtliche Möglichkeit in diesem Umfang erst seit 2025“, erklärt Zangl. Ausschlaggebend für das Bremsmanöver in Weiler sind sogenannte „sensible Einrichtungen“. Das Seniorenheim, eingeweiht im Oktober 2022, und der dortige Fußgängerüberweg fungieren nun als rechtliche Ankerpunkte. Um keine isolierte „Insel“ zu schaffen, nutzte das Ordnungsamt die Chance für einen „Lückenschluss“ bis zur Ortsmitte.

Ein Blick in das Gesetz zeigt: Seniorenheime waren schon immer ein „Türöffner“ für Tempo 30. Der wahre Gamechanger ist jedoch die Straßenverkehrs-Ordnungs-Novelle vom Oktober 2024. Erst seit diesem Update dürfen Kommunen auch auch vor Fußgängerüberwegen, an Spielplätzen, auf hochfrequentierten Schulwegen und bei Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen deutlich unbürokratischer den Anker werfen. Zudem wurde die Erlaubnis für den sogenannten „Lückenschluss“ auf bis zu 500 Meter ausgeweitet. Erst die Kombination aus dem „alten“ Argument Seniorenheim und dem „neuen“ Hebel Zebrastreifen machte den Weg frei, um die Lücke zum Ortskern rechtssicher zu schließen.

Kurios bleibt die Streckenführung dennoch: Auf den ersten 200 Metern der neuen 30er-Strecke stehen links lediglich ein Autohaus und eine leerstehende Industriehalle. Ein Grüngürtel rechts trennt die Straße von der Edelweißstraße und den dortigen Wohnhäusern. Erst ab Seniorenheim und Apotheke rückt die Bebauung direkt an den Asphalt. Die neue Regel schafft aber auch eine Asymmetrie auf der anderen Seite des Dorfs: Wer von Sinsheim kommend die Serpentinen hinunterrollt, darf weiterhin mit 50 km/h an Bushaltestellen und festen Blitzer vorbei durch das dortige Wohngebiet fahren. Hier fehlt die Rechtsgrundlage für eine Reduzierung. Kein „Joker“ wie Zebrastreifen oder Seniorenheim ermöglichen eine reduzierte Geschwindigkeit.

Die Entscheidung für die 600 Meter mehr Entschleunigung fiel verwaltungsintern in Absprache mit der Polizei; der Ortschaftsrat wurde im Anschluss informiert. Für Walter Mallinger und seine Nachbarn spielt die juristische Herleitung ohnehin eine untergeordnete Rolle. Für sie zählt das Ergebnis auf der Terrasse. Weiler ist ein Stück weit langsamer geworden – zumindest auf einer Seite.

Redaktion
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