
© Shiying Hösl
Wenn ich heute durch die Drogerie gehe, lese ich oft „ohne Chemie“, „clean beauty“ oder „100 % natürlich“.
Klingt nett, aber jedes Mal denke ich: ohne Chemie? Das ist schlicht unmöglich. Solche Aussagen sollen Sicherheit vermitteln, doch tatsächlich spiegeln sie oft ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Forschung wider. Diese Angst vor allem, was „chemisch“ klingt, nennt man Chemophobie. Sie prägt Kaufentscheidungen, Medieninhalte und die Hautpflegeroutine vieler Menschen.
Als Cosmetic Scientist und Ingenieurin erlebe ich jeden Tag im Austausch mit Kund:innen, wie sehr Angst und Misstrauen unsere Wahrnehmung von „sicher“ oder „natürlich“ beeinflussen. Denn in Wahrheit ist Chemie kein Feind, sondern die Grundlage jeder modernen Hautpflege. Denn alles ist Chemie.
„Warum uns das Wort ‚Chemie‘ oft Angst macht“
Chemophobie beschreibt die irrationale Angst vor chemischen Substanzen. Oft wird Chemie gleichgesetzt mit etwas Schädlichem oder Giftigem, während Natur als gut und sicher gilt. Diese Gegenüberstellung hält einer wissenschaftlichen Betrachtung jedoch nicht stand.
Alles, was existiert, besteht aus chemischen Stoffen: Wasser, Sauerstoff, ätherische Öle, Vitamine oder Mineralien. Auch ein Apfel enthält hunderte chemische Verbindungen. Antioxidantien, Spurenelemente und auch Parabene. Der Begriff „chemiefrei“ ist also wissenschaftlich unsinnig. Trotzdem wird er gerne verwendet, weil er ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Es geht dabei nicht um Fakten, sondern um Emotionen.
„Wie Angst sich verkauft und warum das problematisch ist“
In der Kosmetikbranche nutzen viele Marken diese Unsicherheit gezielt. Begriffe wie „ohne Parabene“, „ohne Silikone“ oder „clean beauty“ klingen positiv und wecken Vertrauen, obwohl sie selten etwas über die tatsächliche Qualität eines Produkts aussagen.
Ein Beispiel dafür sind Parabene. Sie gehören zu den am besten erforschten Konservierungsstoffen in der Kosmetik und gelten in den zugelassenen Mengen als sicher. Dennoch wurden sie durch Fehlinformationen in sozialen Medien als „gefährlich“ abgestempelt. Viele Hersteller haben darauf reagiert und sie entfernt, was jedoch zu weniger gut untersuchten Alternativen führt, die womöglich in höheren Mengen eingesetzt werden müssen und hautreizend sein können.
Angst verkauft sich gut. Aber Angst ersetzt keine wissenschaftliche Prüfung und sie schützt auch keine Haut.
Natürlich ist automatisch besser? Ein Fehlschluss
Natürlichkeit wird oft als Gütesiegel verstanden. Doch in der Natur gibt es ebenso reizende und allergene Substanzen wie in synthetischen Formulierungen. Pflanzenextrakte und ätherische Öle können empfindliche Haut sogar stärker belasten undihre Zusammensetzungschwankt je nach Ernte, Region und Jahreszeit.
Ob ein Stoff hautfreundlich ist, hängt nicht davon ab, woher er stammt, sondern wie er wirkt und in welcher Konzentration er eingesetzt wird. Die Dosis macht bekanntlich das Gift.
In der Natur gibt es viele tolle Wirkstoffe für die Hautpflege. Doch auch diese müssen mit chemischen Verfahren wie Extraktion erstmal in eine für Kosmetika verarbeitbare Form gebracht werden. Ohne Chemie ist das nicht möglich.
Wenn Angst gefährlich wird: Das Beispiel Sonnenschutz
Besonders deutlich zeigt sich das Problem der Chemophobie beim Thema UV-Schutz. Viele Menschen verzichten auf Sonnenschutzprodukte, weil sie vermeintlich „chemische Filter“ vermeiden möchten. Das kann ernste gesundheitliche Folgen haben.
UVA- und UVB-Strahlen sind die Hauptursache für vorzeitige Hautalterung, Pigmentstörungen und Hautkrebs. Sie sind als gesichert krebserregend eingestuft. Moderne UV-Filter, ob mineralisch oder organisch, werden sorgfältig geprüft, bevor sie zugelassen werden. Wer stattdessen auf Alternativen wie Kokosöl, Himbeersamenöl oder Make-up mit SPF vertraut, unterschätzt die Risiken. Diese Produkte bieten keinen ausreichenden Schutz, um die Hautzellen vor DNA-Schäden zu bewahren.
In diesem Fall wird Angst zur echten Gefahr. Denn das Risiko, ungeschützt in der Sonne zu sein, ist deutlich höher als das Risiko, geprüfte chemische Filter zu verwenden. Der Mensch neigt leider psychologisch dazu, Risiken viel stärker zu bewerten als die Vorteile seiner Aktionen, in diesem Fall Schutz vor UV-Strahlung. Daher ist diese Aufklärung umso wichtiger.
Warum Vertrauen in Wissenschaft wichtig ist
Kosmetikprodukte unterliegen in Europa strengen Sicherheitsvorgaben. Jede Formulierung muss eine Sicherheitsbewertung durchlaufen, das Toxikologie und mikrobiologische Stabilität unabhängig überprüft. Kein Produkt darf einfach so in einer Küche angerührt werden.
Dank moderner Chemie können heute kosmetische Rohstoffe entwickelt werden, die nachhaltiger, stabiler und hautfreundlicher sind als viele natürliche Alternativen.
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Synthetische Rohstoffe schonen natürliche Ressourcen, weil sie gezielt in hohen Konzentrationen hergestellt werden können.
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In der Forschung können eine Vielzahl von Molekülen auf optimierte Wirksamkeit und Hautfreundlichkeit getestet werden.
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Die Sicherheitsbewertung von natürlichen Substanzen ist deutlich komplexer, da sie teilweise aus tausenden Einzelstoffen zusammengesetzt sind.
Ich höre oft Menschen, die sagen: „Ich will nichts Chemisches auf meiner Haut.“ Aber wer ein Produkt aus natürlichen Extrakten verwendet, schmiert viel mehr Chemikalien auf seine Haut, als ein einfaches Glycerin-Serum enthält.
Chemie ermöglicht Fortschritt. Sie schafft sichere, wirksame und nachhaltige Lösungen, die Natur und Wissenschaft verbinden.
Aufklärung statt Angst
Menschen haben heute ein berechtigtes Interesse daran zu wissen, was in ihren Produkten steckt. Transparenz ist gut und notwendig. Doch Aufklärung bedeutet, komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären, nicht Angst zu schüren, um seine Produkte zu verkaufen
Ich bin überzeugt: Die Zukunft der Hautpflege liegt nicht in Schlagwörtern, sondern im Wissen. In ehrlicher Wissenschaft, die Sicherheit, Wirksamkeit und Nachhaltigkeit verbindet. Ohne Angst, aber mit Verantwortung.
Verantwortung in der Kommunikation
Auch die Hersteller tragen Verantwortung. Begriffe wie „clean“ oder „toxinfrei“ klingen gut, sind aber keine wissenschaftlich definierten Standards. Sie erzeugen kein Sicherheitsgefühl, sondern Verunsicherung Echte Transparenz bedeutet, Inhaltsstoffe offen zu benennen, ihre Funktion zu erklären und auf wissenschaftliche Prüfkriterien zu verweisen.
Wissenschaftlerinnen, Ingenieure und Marken mit Forschungsfokus sollten gemeinsam dafür sorgen, dass Verbraucherinnen wieder Vertrauen in geprüfte Produkte entwickeln können. Gute Hautpflege entsteht nicht durch Abgrenzung, sondern durch Verständnis.
Über die Autorin:
Ying Hösl ist Cosmetic Scientist, Verfahrensingenieurin und Gründerin der Hautpflegemarke Skingineered. Mit ihrer einzigartigen Kombination aus Kosmetikwissenschaft und Technik steht sie für wirksame, wissenschaftlich fundierte und nachhaltige Hautpflege „Made in Germany“. Als Entwicklerin des innovativen UVA-Boosters gilt sie als Vordenkerin der Branche. In Fachkreisen ist sie gefragte Speakerin, Autorin und Impulsgeberin für eine neue Generation von Hautpflege mit Haltung.







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