Zahl der neuen Verträge sinkt um zehn Prozent
Zum 1. September 2026 hat die Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar 3.124 neue Ausbildungsverträge registriert. Das sind zehn Prozent weniger als im Vorjahr. Nach Einschätzung der IHK kommen dabei mehrere Probleme zusammen. Einerseits gibt es wegen des demografischen Wandels weniger junge Menschen, die für eine Ausbildung infrage kommen. Gleichzeitig passen die Wünsche der Bewerber und die angebotenen Ausbildungsplätze häufig nicht zusammen. Andererseits wirkt sich die seit mehreren Jahren schwache wirtschaftliche Entwicklung aus. Unternehmen bauen Kapazitäten ab oder verlagern sie und reduzieren damit teilweise auch die Zahl ihrer Ausbildungsplätze. Durch Betriebsschließungen gehen zudem Ausbildungsbetriebe verloren.
IHK-Präsident Manfred Schnabel weist darauf hin, dass sich das Angebot an Ausbildungsplätzen in der dualen Ausbildung am mittel- und langfristigen Personalbedarf der Unternehmen orientiert. Dadurch seien die Beschäftigungschancen nach einer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung normalerweise gut. Wenn Unternehmen wegen der wirtschaftlichen Lage jedoch vorsichtiger planen, sinke auch ihr Bedarf an neuen Auszubildenden. Die IHK fordert deshalb bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen, damit Unternehmen wieder stärker mit Wachstum planen können.
Kaufmännische Berufe besonders betroffen
Deutlich zeigt sich der Rückgang bei den kaufmännischen Ausbildungsberufen. Hier wurden 2.010 neue Verträge abgeschlossen. Das sind 272 weniger als im Vorjahr und entspricht einem Minus von 11,9 Prozent. Bei den gewerblich-technischen Berufen sank die Zahl um 76 beziehungsweise 6,4 Prozent auf 1.114 neue Ausbildungsverträge.
Nach Einschätzung der IHK spielt bei den kaufmännischen Berufen neben der allgemeinen wirtschaftlichen Lage auch der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz eine Rolle. Administrative Tätigkeiten könnten künftig häufiger mithilfe von KI erledigt werden. Besonders deutlich fiel der Rückgang bei Kaufleuten für Büromanagement aus. Dort wurden 26 Prozent weniger neue Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen als im Vorjahr.
Rückgang in allen Teilen der Region
Weniger neue Ausbildungsverträge gibt es in allen Teilregionen des IHK-Bezirks. In Heidelberg sank ihre Zahl um acht Prozent, in Mannheim um neun Prozent. Im Rhein-Neckar-Kreis beträgt der Rückgang elf Prozent und im Neckar-Odenwald-Kreis 14 Prozent. Nach Einschätzung der IHK machen sich dabei sowohl die schlechten Erwartungen von Industriebetrieben als auch die demografische Entwicklung bemerkbar. Gerade die Zahl der jungen Menschen, die als Bewerber für Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen, geht zurück.
Viele freie Stellen und trotzdem unversorgte Bewerber
Eine besondere Entwicklung zeigen auch die Zahlen der regionalen Agenturen für Arbeit. In den vergangenen Jahren gab es – mit Ausnahme des ersten Pandemiejahres – zum Ausbildungsbeginn regelmäßig mehr gemeldete unbesetzte Ausbildungsstellen als gemeldete Bewerber ohne Ausbildungsplatz. Im Jahr 2026 hat sich dieses Verhältnis umgekehrt.
Gleichzeitig waren zum Ausbildungsstart noch 1.340 Ausbildungsstellen unbesetzt. Für die IHK zeigt das, dass auch nach Beginn des Ausbildungsjahres noch Chancen auf einen Vertrag bestehen. Wer beim gewünschten Beruf und beim Ausbildungsort flexibel ist, kann demnach auch im September noch einen Ausbildungsplatz finden. Dass gleichzeitig viele Stellen frei und viele Bewerber unversorgt sind, zeigt nach Einschätzung der Kammer aber auch, dass Angebot und Nachfrage häufig nicht zusammenpassen.
Fast jeder zweite Betrieb kann nicht alle Ausbildungsplätze besetzen
Dieses Problem zeigt sich auch in der Ausbildungsumfrage der IHK vom Mai 2026. Darin gaben 47 Prozent der Ausbildungsbetriebe an, nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen zu können. Gegenüber dem Vorjahr ist dieser Anteil lediglich um einen Prozentpunkt gesunken.
Als häufigsten Grund nannten 67 Prozent der betroffenen Unternehmen fehlende geeignete Bewerbungen. 23 Prozent berichteten sogar, überhaupt keine Bewerbungen für ihre angebotenen Ausbildungsplätze erhalten zu haben.
Unternehmen sehen Probleme bei der Ausbildungsreife
92 Prozent der befragten Unternehmen stellten nach Angaben der IHK Mängel bei Schulabgängern fest. Das sind acht Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Am häufigsten nannten die Betriebe eine mangelnde Belastbarkeit, die von 56 Prozent angegeben wurde. 45 Prozent sehen Probleme bei der mentalen Leistungsfähigkeit und 42 Prozent bei der Disziplin.
IHK-Präsident Schnabel sieht darin auch einen Zusammenhang mit den Ergebnissen der PISA-Studie und verweist auf schwache Ergebnisse in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik. Aus Sicht der Wirtschaft seien vor allem fehlende Basiskompetenzen problematisch, weil grundlegende Kenntnisse eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Berufsausbildung seien.
Betriebe organisieren teilweise selbst Nachhilfe
Viele Ausbildungsunternehmen versuchen, Wissenslücken ihrer Auszubildenden selbst auszugleichen. Mehr als ein Drittel der in der IHK-Umfrage befragten Unternehmen gab an, eigene Nachhilfeangebote im Betrieb zu organisieren. Mehr als jedes zehnte Unternehmen arbeitet mit ehrenamtlichen Mentoren oder Paten.
Die IHK sieht dieses Engagement der Unternehmen positiv, fordert aber gleichzeitig Verbesserungen im Bildungssystem. Schulabgänger sollten nach Auffassung der Kammer bereits beim Verlassen der Schule die notwendigen Grundlagen für Beruf und Ausbildung mitbringen.
IHK fordert bessere Berufsorientierung und moderne Berufsschulen
Die IHK fordert außerdem eine bessere Berufsorientierung bereits während der Schulzeit. Schulen, Berufsberatung und Unternehmen sollten dabei enger zusammenarbeiten. Um jungen Menschen den Einstieg in eine Ausbildung zu erleichtern, soll zudem die Sprachförderung ausgebaut werden. In Regionen mit hohen Mieten und angespanntem Wohnungsmarkt spricht sich die Kammer für Wohnheime für Auszubildende aus.
Auch die Berufsschulen sollen nach den Vorstellungen der IHK weiterentwickelt werden. Benötigt würden flächendeckend moderne und digital ausgestattete Schulen sowie Lehrkräfte, die Inhalte zu Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz vermitteln können. Für die Region Rhein-Neckar mit ihrer Lage zwischen Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz fordert die IHK außerdem, eine länderübergreifende Beschulung an Berufsschulen zu ermöglichen.













Rückmeldung an den Autor?