Zwischen Papierkrieg und Freude aufs neue Gerätehaus und Fahrzeuge
Während sich die ersten Gäste im Feuerwehr-Gerätehaus in Sinsheim bereits die Hände schüttelten, waren einige Aktive noch im Einsatz. Ein Feueralarm in der Badewelt war zwar schnell abgearbeitet, doch er verdeutlichte, was Abteilungskommandant Thomas Nerpel bei der Jahreshauptversammlung in Worte fasste: Die Feuerwehr Sinsheim ist eine „tragende Säule“, die niemals wirklich Pause macht.
Viele Einsätze
Die nackten Zahlen des Jahres 2025 sind beeindruckend, aber auch fordernd: Mit 362 Einsätzen verzeichnete die Wehr den zweithöchsten Stand der letzten vier Jahre. Es gab deutlich weniger Unwetter-Einsätze, doch eine Dauerbaustelle am Walldorfer Kreuz sorgte für weiten Rückstau, Unfälle und somit regelmäßiges Ausrücken auf die A6.

Nach einem Unfall bei Starkregen schiebt die Feuerwehr einen Wagen auf der A6 bei Kirchardt von der Autobahn
Nerpel berichtete von einer beunruhigenden Entwicklung: „Viele wissen sich bei kleinsten Problemen nicht mehr zu helfen und rufen sofort die Feuerwehr.“ Sinsheim bekomme immer mehr „Stadtcharakter“, alles werde anonymer und die Erwartungshaltung der Bürger steige. Dass die Wehr im letzten Jahr sieben Menschenleben nicht mehr retten konnte, hinterlässt auch bei den Profis Spuren. „Das ist eine enorme psychische Belastung“, betonte Nerpel.
Umso wichtiger ist die Entlastung durch die festangestellten Feuerwehrleute in Sinsheim: 83 Einsätze konnten sie im vergangenen Jahr werktags eigenständig abarbeiten, ohne die ehrenamtlichen Freiwilligen von ihren Arbeitsplätzen wegholen zu müssen. Neben dem Einsatzalltag wurde kräftig in die Ausbildung investiert: Von Social-Media-Schulungen über Maschinisten- und Truppführerlehrgänge bis hin zum ABC-Führer und dem „Sägen unter Spannung“ reichte das Spektrum. Pascal Schauer bedankte sich zudem bei allen Helfern für die aufwendige Umstellung vom analogen Zwei-Meter-Funk auf Digitalfunk an den Einsatzstellen.
Feuerwehr-Chef fordert drakonische Strafen bei Gewalt gegen Einsatzkräfte
Besonders emotional wurde es beim Thema Sicherheit. Nerpel kritisierte die zunehmende Gewalt gegen Einsatzkräfte scharf. Silvester sei mittlerweile zu einem „bewaffneten Karneval“ mutiert, bei dem Retter angefeindet werden. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis der Negativ-Trend von Großstädten ins Land schwappe. Seine Forderung: Drakonische Strafen als Abschreckung. Auch technisch sieht er Nachholbedarf durch das Land, etwa bei geländegängigen Fahrzeugen für den Katastrophenschutz. Die Sinsheimer Wehr gehört zur Atemschutzkomponente und dem Gefahrgutzug des Rhein-Neckar-Kreises. Zu drei Gefahrgut-Einsätzen wurden die Sinsheimer im vergangenen Jahr ins Umland alarmiert
Doch nicht nur das Einsatzgeschehen selbst, auch der „Papierkrieg“ hinter den Kulissen belastet die ehrenamtlichen Retter zunehmend. „Immer neue Vorschriften kommen auf uns zu, die Dokumentation ist extrem zeitintensiv“, mahnte Thomas Nerpel. Nicht jeder sei bereit, diese zusätzliche Freizeit für reine Schreibarbeit zu opfern. Hinzu kommt ein wachsender Anteil an sogenannten „Kann-Aufgaben“: Ob Tragehilfen für den Rettungsdienst, Türöffnungen bei medizinischen Notfällen oder automatische E-Calls von modernen Fahrzeugen und Handys – die Feuerwehr Sinsheim hilft, wo sie kann. Das Problem dabei: Für viele dieser Einsätze, insbesondere bei Fehlalarmen durch technische Defekte, fehlt laut Gesamtkommandant Michael Hess die gesetzliche Grundlage zur Abrechnung. Der Datenschutz verhindere oft die Feststellung von Personalien, sodass die Kosten letztlich bei der Kommune hängen bleiben. „Wenn die Einsatzzahlen weiter steigen, brauchen wir endlich eine Handhabe, diese Leistungen auch abzurechnen“, forderte Hess mit Blick auf die knapper werdenden Ressourcen.
So versucht die Feuerwehr an Nachwuchs zu kommen
Dass es immer schwieriger wird, neue Gesichter für den aktiven Dienst zu begeistern, zeigte ein Schnuppertag im Juli 2025. Er blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Lediglich drei Personen fanden den Weg zum Gerätehaus, von denen letztlich niemand hängen blieb. „Wir müssen noch mehr Werbung für uns machen und den Dienst attraktiver gestalten“, konstatierte Thomas Nerpel mit Blick auf den mangelnden Zulauf. Aktuell kann die Abteilung Sinsheim-Stadt zwar auf eine Truppe von 63 aktiven Kameraden zählen, doch um diese Zahl stabil zu halten, ist frisches Blut unerlässlich. Eine Wiederholung der Aktion ist für dieses Jahr bereits fest geplant – in der Hoffnung, dass der Funke beim nächsten Mal doch noch überspringt. Einen hellen Lichtblick bietet dagegen die Nachwuchsarbeit. Die noch recht neue „Kids-Feuerwehr“ schlug ein wie eine Bombe: Alle acht Plätze waren sofort vergeben. Hier lernen die Kleinsten spielerisch mit Experimenten, was es heißt, ein Retter zu sein. Auch die Jugendfeuerwehr steht mit elf Mitgliedern stabil da – zwei Kinder konnten bereits aus der Kids-Gruppe in die Jugendfeuerwehr aufrücken. Ein Engagement, für das es dickes Lob von Oberbürgermeister Marco Siesing gab.
Kommandant und Stellvertreter gewählt
Bei den Wahlen herrschte Einigkeit unter den 45 anwesenden Wahlberechtigten: Thomas Nerpel bleibt einstimmig Abteilungskommandant. Ihm zur Seite steht künftig Jochen Deck als Stellvertreter. Dass der bisherige Vize Sven Fischer nicht mehr antrat, hat strategische Gründe: Er wird als Nachfolger für Gesamtkommandant Michael Hess gehandelt, der im Sommer 2027 altersbedingt ausscheidet. Über einen kleinen Druckfehler auf den Stimmzetteln, die bereits auf den nächsten Tag datiert waren, scherzte Hess: „Da sehen wir drüber hinweg.“
An der Kasse gab es nach 35 Jahren einen Generationswechsel: Jürgen Spranz und Peter Schumb übergaben an Matthias Günther und Marcel Rösch. Die „Neuen“ müssen sich direkt mit der Umsatzsteuerpflicht herumschlagen. Künftig werden für Wurst und Bier beim Stadtfest die Mehrwertsteuer abgerechnet.
Sinsheimer Feuerwehr bekomme neue Fahrzeuge
Trotz der Last gab es gute Nachrichten: Ein neues Wechsellader-Fahrzeug ist dank eines überraschenden Landes-Zuschusses von fast 90.000 Euro in der Beschaffung. Das im Spätjahr eingeweihte, neue LF 20 hat sich schon in zahlreichen Einsätzen bewährt, und noch in diesem Jahr wird ein neuer Gerätewagen Logistik (GW-L1) erwartet. In etwa sechs Monaten soll zudem der neue elektrische BMW-Kommandowagen eintreffen, für den im neuen Gerätehaus bereits die Wallbox eingeplant ist. Der Bau des neuen Domizils in der Schwarzwaldstraße schreitet sichtbar voran. OB Siesing dankte der Wehr ausdrücklich. Die Feuerwehr sei eine „tragende Säule der Stadt“, die Haushaltslage erlaube Unterstützung – augenzwinkernd verwies er auf ein Plus von 7000 Euro in der Feuerwehrkasse. Der Bau des neuen Feuerwehrhauses schreite gut voran: „Hunderttausende Euro werden gefühlt jede Woche bezahlt, aber es ist eine gute Entscheidung.“ Der anwesende Ex-OB Jörg Albrecht nickte zustimmend.
THW und Polizei kamen zur Jahreshauptversammlung
Wie eng die Blaulicht-Familie zusammenhält, zeigten die Grußworte. Patrick Bräunling vom THW fasste die gute Kameradschaft in ein Gedicht, und die Polizei betonte: „Die Farben unserer Autos sind verschieden, aber wir haben viel gemeinsam.“ Zum Schluss bedankte sich Thomas Nerpel besonders bei Sven Fischer für dessen Arbeit als Stellvertreter, der noch bis zur Amtsübergabe im Februar im Dienst bleibt. Mit dem Satz „Ich bin stolz, eine so tolle Truppe hinter mir zu haben“, schloss Nerpel die Versammlung, bevor der Abend bei Essen und Trinken gemütlich ausklang.














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