Milliardenloch oder Heilsversprechen?
Etwa zweihundert Meter hinter dem massiven Sicherheitszaun ragt die Betonkuppel von Neckarwestheim 2 in den wolkenlosen Himmel über dem Neckartal. Es ist still hier. Auf dem Parkplatz vor dem Verwaltungsgebäude stehen nur noch wenige Autos. Eines davon gehört einem Ingenieur, der seit Jahrzehnten hier arbeitet – erst für den Strom, jetzt für den Rückbau. Es ist ein Ort des Übergangs, ein Denkmal für eine Technologie, die Deutschland offiziell hinter sich gelassen hat. Doch in Berlin, rund 600 Kilometer nordöstlich, geistern die Meiler wieder durch die Plenarsäle.
„Zumindest diskutieren sollte man eine Reaktivierung“, fordert Jens Spahn. Der Unionsfraktions-Vorsitzende steht mit dieser Forderung in einem seltsamen Spannungsfeld. Es war seine eigene Partei, die unter schwarz-gelber Flagge 2011 den Ausstieg besiegelte. Heute, drei Jahre nachdem die letzten Anlagen vom Netz gingen, wirkt die Debatte wie ein Echo aus einer anderen Zeit. Selbst Bundeskanzler Friedrich Merz, dessen CDU die Atomkraft einst als Brückentechnologie pries, bemüht sich um Realpolitik. „Der Beschluss ist irreversibel“, sagte er vor wenigen Wochen mit einer Mischung aus Bedauern und Endgültigkeit. Man müsse sich nun auf die Energiepolitik konzentrieren, die man habe.
Kalkül gegen Kilowattstunden
Diese Realität sieht für Umweltminister Carsten Schneider (SPD) vor allem grün aus. Wer ihn im Funkhaus des Deutschlandfunks beobachtet, erlebt einen Mann, der wenig Geduld für das hat, was er „ideologische Debatten“ nennt. „Erneuerbaren-Ausbau ist der, der schnell geht“, sagt Schneider. Für ihn ist die Atomkraft kein Joker, sondern ein Bremsklotz.
Am anderen Ende des politischen Spektrums sieht man das naturgemäß anders. Im März brachte die AfD einen Antrag in den Bundestag ein, der nicht weniger als die Renaissance der Kernspaltung fordert. Der Abgeordnete Paul Schmidt spricht von Unabhängigkeit, von Robustheit und von einem Ende der Energiewende, die er für unnötig hält. Für ihn ist der Meiler kein Auslaufmodell, sondern ein Heilsversprechen.
Unterstützung erhält diese Sichtweise von wissenschaftlicher Seite, wenn auch mit feinerer Klinge geführt. Antonio Hurtado, Professor im Ruhestand für Wasserstoff und Kernenergietechnik, mahnt zur Sachlichkeit. Wenn Deutschland bis 2045 ernsthaft klimaneutral werden wolle – und das zu bezahlbaren Preisen –, dann tue man gut daran, „auf alle Energieträger zurückzugreifen“. Atomkraft ist für ihn ein notwendiger Teil eines Puzzles, das ohne diese Teile nicht aufgehen will.
Ein Milliardenloch im Sand
Doch wer vor den Toren von Kraftwerken wie Neckarwestheim oder Emsland steht, merkt schnell: Politik ist das eine, Physik und Finanzen sind das andere. „Ein Atomkraftwerk neu zu bauen, dauert 20 bis 25 Jahre und verschlingt Milliarden“, rechnet Minister Schneider vor. Für die aktuelle Energiekrise sei das so hilfreich wie ein Regenschirm nach dem Sturm.
Die AfD schlägt daher eine Abkürzung vor: die Reaktivierung. Isar 2, Emsland, Neckarwestheim 2 – Namen, die wie eine Inventurliste der deutschen Industriegeschichte klingen. Sogar Brokdorf wird genannt, weil dort der Rückbau noch nicht weit fortgeschritten sei. Doch Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin, dämpft die Erwartungen. Theoretisch sei vieles möglich, sagt er, doch die Praxis sei ein bürokratischer und technischer Albtraum.
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Sicherheitschecks: Alles müsste nach aktuellen Standards neu geplant und geprüft werden.
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Investitionen: Es ginge um zweistellige Milliardenbeträge.
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Zeit: Eine Reaktivierung würde Jahre, nicht Monate dauern.
Stromversorger wollen keine Atomkraft
Das vielleicht stärkste Argument gegen die Rückkehr der Geistermeiler kommt jedoch nicht von den Umweltschützern, sondern von den Konzernen selbst. Bei der EnBW in Karlsruhe gibt man sich kühl und hanseatisch. Der Rückbaustatus ihrer fünf Anlagen sei „praktisch gesehen irreversibel“. Das Revival der Atomkraft, so scheint es am Ende eines Besuchs in Neckarwestheim, würde nicht nur viel Zeit kosten, sondern vor allem eines: die ökonomische Vernunft.













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