Neue Amphibien-Tunnel bei Sinsheim werden rege genutzt
Es hat geregnet. Der Asphalt der Kreisstraße 4283 glänzt schwarz im Scheinwerferlicht, die Luft ist feucht und kühl – ideales Wanderwetter. Doch wer an diesem Abend zwischen Adersbach und Steinsfurt unterwegs ist, erlebt eine ungewohnte Stille. Wo früher Plastikzäune die Fahrbahn säumten und Freiwillige mit Stirnlampen und Eimern durch den Matsch stapften, ist heute nur noch glatte Straße. Ein Blick nach unten, an die Böschungskante, verrät, warum. Dort, wo die neuen Betonleitsysteme bündig mit dem Gelände abschließen, hockt eine Erdkröte. Ein kurzer, kräftiger Satz, dann verschwindet sie im Schlund eines Betontunnels. Wenig später taucht sie auf der anderen Seite wieder auf, setzt zum nächsten Sprung ins Gras an und ist weg. Es ist die Premiere einer Anlage, die im vergangenen Jahr für ebenso viel Zündstoff wie für Verkehrsbehinderungen gesorgt hat.
Die Kröten finden das Millionen-Loch
Dass diese Premiere stattfindet, war ein teures und mühsames Unterfangen. Ursprünglich mit rund 790.000 Euro veranschlagt, kletterten die Kosten für die zehn Krötentunnel am Ende auf eine runde Million Euro. Der Grund dafür lag tief unter der Fahrbahn vergraben. Beim Aushub stießen die Baufirmen auf eine alte Teerstraße – ein schadstoffbelastetes „Erbe“ vergangener Jahrzehnte, das kurzerhand im Erdreich entsorgt worden war. Was als einfacher Tiefbau geplant war, wurde zur teuren Sondermüll-Sanierung.
Zusätzlich zwangen geänderte statische Vorgaben für die Fertigfundamente der Tunnelsegmente den Rhein-Neckar-Kreis dazu, tiefer in die Tasche zu greifen. 210.000 Euro mussten außerplanmäßig nachgeschossen werden. „Die Anlage ist jetzt die dauerhafte Lösung, die wir gebraucht haben“, so Adersbachs Ortsvorsteher Matthias Höver. Er weiß, wovon er spricht. Seit 1994, also seit 32 Jahren, haben er und seine Mitstreiter das Überleben der Krötenpopulation gesichert – händisch.
Die Geschichte des Krötenschutzes an der K 4283 ist auch eine Geschichte des Älterwerdens. „Wir waren am Limit“, sagt Höver rückblickend. In Spitzenjahren trugen die Ehrenamtlichen bis zu 4.000 Tiere über die Straße, bei einstelligen Temperaturen und Dauerregen. Die Helfer von damals sind heute im Rentenalter, Nachwuchs ist kaum zu finden – auch, weil der Einsatz an der unübersichtlichen Strecke nachts schlicht zu gefährlich wurde. In diesem Frühjahr zeigen erste Stichproben aus seiner Sicht, dass die Anlage funktioniert. Ende Februar seien an einzelnen Stellen bereits Kröten oberhalb und unterhalb der Tunnel unterwegs gewesen. „Entlang der gesamten Strecke jedoch nicht“, sagt Höver. Das unterscheide sich von früheren Jahren, in denen Tiere über die ganze Straße verteilt gewesen seien. Diese Beobachtungen decken sich mit den Rückmeldungen vor Ort. Ilka Hack von der Verwaltungsstelle Adersbach berichtet von ähnlichen Eindrücken: Sowohl aus persönlicher Erfahrung als auch durch Rückmeldungen von Bürgern, die die Strecke mindestens zweimal täglich befahren, zeichne sich ein klares Bild ab. Im Bereich der neuen Tunnel seien bisher keine überfahrenen Kröten gesichtet worden. Weiter Richtung Steinsfurt, außerhalb der Schutzanlage, fänden sich noch immer die gewohnten Spuren der Wanderung auf dem Asphalt. Das Engagement der Freiwilligen war letztlich auch die Grundlage für den Bau der Anlage. Ohne die über Jahrzehnte dokumentierten Zählungen – zeitweise mehrere tausend Tiere pro Saison – hätte es nach Einschätzung von Naturschützern kaum eine Grundlage für die Investition gegeben.
Erholt sich die Population jetzt?
Der Handlungsbedarf wird durch die Statistik des NABU untermauert: 2015 geleiteten die Helfer noch über 3.500 Tiere sicher über die Fahrbahn. Bis zum Jahr 2025 sank die Zahl auf nur noch rund 1.800 Individuen. Der dramatische Rückgang zeigt, unter welchem Druck die lokale Population steht. Neben dem Straßentod setzen auch Trockenheit, Pestizide und Krankheiten sowie der Verlust von Lebensräumen den Tieren zu.
In den sozialen Netzwerken schlug dem Projekt dennoch eine Welle des Unmuts entgegen. Mal war es die Dauer der Sperrung, mal der Umweg über Ehrstädt, mal die Kritik am „Flickenteppich“ des neuen Asphalts. Ein mobiles Blitzgerät, das während der Bauphase die strikten Tempo 10 auf dem Schotterabschnitt überwachte, wurde zum Symbol behördlicher Strenge.
Für das Landratsamt ist die Millionen-Investition jedoch eine Rechnung, die langfristig aufgeht. Ein systematisches Monitoring der Tunnelnutzung sei nicht vorgesehen, heißt es aus der Behörde. Die Daten der vergangenen 20 Jahre seien Dokumentation genug. Die Straßenmeisterei habe bei Kontrollfahrten kaum noch überfahrene Tiere im Bereich der Anlage gefunden – für die Verwaltung ein klarer Beleg für die Funktionalität. Die Unterhaltung übernimmt künftig der Straßendienstbetrieb des Kreises im Rahmen der regulären Streckenkontrollen.
Anja Wirtherle, Grünen-Kreisrätin aus Adersbach, sieht in der Anlage vor allem einen Schutz für alle Phasen. „Bisher war das Sammeln nur ein begrenzter Schutz“, erklärt sie. Während die Hinwanderung zum Laichgewässer noch durch Zäune abgefangen werden konnte, blieben die Rückwanderung der Alttiere und die spätere Wanderung der Jungkröten dem Zufall und dem Reifenprofil überlassen. Die stationären Tunnel hingegen kennen keinen Feierabend. Neben Kröten profitieren auch andere Amphibienarten von den neuen Unterführungen. Salamander etwa seien früher oft unter den temporären Zäunen hindurchgeschlüpft und auf die Straße gelangt.
Für Autofahrer bedeutet die neue Unterwelt vor allem Freiheit: In diesem Frühjahr entfällt erstmals das nächtliche Tempolimit von 30 km/h, das über Jahrzehnte die Geduld auf die Probe stellte. Die Kröten haben nun Vorfahrt von unten. Oben darf der Verkehr ungebremst rollen. Ob die Population, die laut Naturschützern zuletzt dramatisch abgenommen hatte, sich durch die neue Infrastruktur stabilisiert, bleibt abzuwarten. Es ist ein Experiment in Beton, das die Natur mit der Verkehrslogik versöhnen soll und es ist ein leiser Erfolg, der vor allem in den ausbleibenden Kadavern auf der Fahrbahn messbar wird.















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