Nächtlicher Lärm-Tourismus erzürnt Anwohner in Weiler
Wenn die Sonne am Steinsberg untergeht und sich friedliche Stille über den Sinsheimer Stadtteil legen sollte, beginnt für manche Anwohner der Stress. Es fängt oft schon an warmen Tagen am späten Nachmittag an: Ein tiefes Grollen in der Ferne, das sich schnell in ein hochfrequentes Kreischen verwandelt. Die Serpentinen hinauf zur Burg Steinsberg, fürchten Anwohner, sind zur inoffiziellen Rennstrecke geworden. Und die Geduld ist nach zehn Jahren am Ende.
Dass die Lage ernst ist, zeigt ein Blick auf den Kaffeetisch in der Nachbarschaft. Dort liegt neben der Tasse ein klobiger Gehörschutz-Kopfhörer. „An manchen Tagen kann man sich gar nicht mehr ohne auf die Terrasse setzen“, berichtet ein Anwohner. Es ist eine Kapitulation vor der eigenen Haustür. Besonders bitter: Unter den Leidtragenden sind ehemalige Polizisten und Mitglieder der Verkehrswacht, die ihr Leben lang für Sicherheit im Straßenverkehr eingetreten sind.
Schon vor Jahren unterzeichneten 70 Nachbarn eine Petition gegen den Lärm, doch das Phänomen des „Lärm-Tourismus“ scheint resistent. Es ist eine Mischung aus PS-Posern und Partygästen, die den Burgparkplatz als Event-Location missbrauchen. Da sind die einen, die oben auf dem Parkplatz essen und ihren Müll in der Landschaft verteilen. Und die anderen, welche die Serpentinen für nächtliche Sprint nutzen. „Die fahren auf dem Hinterrad hoch, lassen es oben krachen und donnern wieder weg – teils sogar über die Feldwege“, berichtet Anwohner Jürgen Konetzki (84). Die Strecke ist für viele ein inoffizieller Rundkurs: Start am Sinsheimer Stadion-Kreisel, hoch zur Burg, weiter nach Waldangelloch, über den Himmelberg nach Dühren und wieder zurück zum Steinsberg.
Eigentlich hat die Stadt Sinsheim bereits reagiert. Seit der Pandemie gilt auf dem Burgparkplatz zwischen 22 und 6 Uhr ein striktes Parkverbot. Ein städtischer Mitarbeiter rückt sogar am Wochenende frühmorgens an, um den Unrat der Nacht zu beseitigen. Doch für die Anwohner ist das Verbot auf dem Papier geduldig, in der Realität aber oft zahnlos. „Ich habe mal um Mitternacht die Polizei angerufen“, erzählt Jürgen Konetzki. „Da hieß es, man habe gerade nur einen Streifenwagen und der sei im Einsatz in Eschelbronn.“
Das Gefühl, im Stich gelassen zu werden, sitzt tief. Wenn die Polizei erst eine Stunde nach dem Anruf eintrifft, sind die Maschinen längst über alle Berge. Und die Berge sind das Stichwort: In den Löwensteiner Bergen oder im Odenwald wird hart kontrolliert; in Weiler hingegen fühlen sich unbelehrbare Kradfahrer sicher. „Hier können sie noch die Sau rauslassen“, ärgert sich Nachbar Peter Roßnagel. „Das Schlimmste sind junge Leute mit kleinen Maschinen, die einen Höllenlärm machen“, so Ortsvorsteher Manfred Wiedl. Hohe Drehzahlen, wenig Hubraum – ein hochtöniges Kreischen schneide durch die Ruhe im Ort.
Hinter den Kulissen scheint nun jedoch wieder Bewegung in die Sache zu kommen. Nach Informationen unserer Redaktion hat sich der Weilerer Ortschaftsrat vor wenigen Wochen an die Stadtverwaltung gewandt. Über die genauen Details hüllen sich alle Beteiligten in Schweigen. Ortsvorsteher Wiedl gibt sich geheimnisvoll: „Ich will nicht alles rausplaudern, aber im nichtöffentlichen Teil unserer Sitzung geht es darum. Vielleicht haben wir eine Chance.“ Gleichzeitig wünscht sich der Ortsvorsteher mehr direktes Engagement. „Die Leute müssten öfter in die Ortschaftsratssitzung kommen und zuhören“, findet Wiedl. Er hat den Eindruck, dass sich viele lautstark beschweren, aber gar nicht mitbekommen, welche Hebel hinter den Kulissen bereits in Bewegung gesetzt wurden.
Die Forderung der Anwohner ist klar: Ein nächtliches Durchfahrtsverbot zur Burg ab 22 Uhr. Wer oben nichts zu suchen hat, soll gar nicht erst hochfahren dürfen. Stadtsprecherin Melanie Wricke betont derweil, dass die bestehende Nutzungsordnung bereits zu einer „deutlichen Verbesserung“ geführt habe und Kontrollen regelmäßig stattfänden. Auch die Polizei beobachtet die Lage „engmaschig“, sieht aber derzeit keine Hinweise auf organisierte Rennen. Es gebe lageangepasste Kontrollen, auch im Zusammenhang mit der Poser- und Tuningszene, teils mit speziell geschulten Kräften. Wie weit Theorie und Praxis auseinanderdriften, beobachtete Nachbar Roßnagel vor einiger Zeit am Weißen Stein. Dort kontrollierte die Motorradstaffel zwar tatsächlich – allerdings bei strömendem Regen. „Ich bin kopfschüttelnd vorbeigefahren“, erinnert sich der 67-Jährige.
Dass die Burg Steinsberg eine gute Kulisse für Motorräder bietet, zeigte sich beim Besuch der Redaktion am Parkplatz. Die Motorradstaffel der Polizei war zwar vor Ort – allerdings nicht zum Kontrollieren. Die Beamten nutzten das Panorama für Fotos und Videos für die sozialen Netzwerke. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Die Polizisten betonten eilig, sie seien gerade außer Dienst und produzierten lediglich „Content“. Ein schwacher Trost für Anwohner, die sich echte Kontrollen statt schöner Bilder wünschen.
Jürgen Konetzki und seine Mitstreiter aus der Nachbarschaft geben nicht auf. Sie wissen, dass ein Verbot nur so viel wert ist wie seine Überwachung. Solange in Weiler nachts aber das Recht des Lauteren gilt, bleibt der Gehörschutz wichtiges Accessoire. „Wir haben keine Nachtruhe am Wochenende“, bilanziert Konetzki. Der Ball liegt nun im Rathaus – und der nächste warme Sommerabend kommt bestimmt.














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