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Ittlinger Rettung in der Blechkiste: Coco’s Kleinkauf füllt die Versorgungslücke

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Ittlingen. Seit der „nah und gut“-Markt im Mai 2025 seine Pforten schloss, herrschte im 2.651-Seelen-Dorf Ittlingen in Sachen Nahversorgung erst einmal Funkstille. Wer Butter oder Milch brauchte, musste das Auto bewegen. Zwar soll am Ortsausgang Richtung Kirchardt irgendwann ein Norma-Markt entstehen, doch wann dort die ersten Waren auf dem Band rollen, steht noch in den Sternen. In diese Bresche springt nun eine junge Frau mit viel Mut und zwei gebrauchten Bürocontainern: Florentine Sens hat „Coco’s Kleinkauf“ eröffnet – ein Projekt, das ebenso unkonventionell wie herzlich ist.

Ein Container gegen die Flaute

Ein bisschen versteckt liegt er schon, der kleine schwarz-braune Hoffnungsschimmer, nicht direkt an der Ortsdurchfahrt. Wer hinein will, braucht kein Bargeld, sondern eine EC- oder Kreditkarte – der digitale Türöffner in die Welt der Grundversorgung. Drinnen warten zwei aneinandergebaute Container, die Sens mühsam aus viereinhalb Stunden Entfernung heranschaffen ließ. „Zweimal wurde der Transport wegen Regen abgebrochen, dann wollten die Ladenbauer in den Sommerferien nicht“, erinnert sich die 25-Jährige an die Startschwierigkeiten. Am Ende hieß es: Selbst ist die Frau. Ohne Förderung, dafür mit einem Privatkredit im Rücken, zimmerte sie sich ihren Traum vom eigenen Laden einfach selbst zusammen.

Zwischen Badewelt und Verkaufsregal

Florentine Sens ist das, was man eine echte Macherin nennt. Eigentlich ist sie gelernte Modedesignerin, arbeitet aber Vollzeit im Gästeservice der Sinsheimer Badewelt. Der Weg zur Polizei blieb ihr nach einem Motorradunfall verwehrt, doch den Kopf in den Sand zu stecken, ist nicht ihre Art. „Ich bin ein lösungsorientierter Mensch, warum also nicht einfach was hinstellen?“, sagt sie mit einem Schulterzucken. Viermal die Woche fährt sie extra von Mosbach nach Ittlingen, um Regale aufzufüllen – bald zieht sie nach Bad Rappenau, dann wird der Weg zum eigenen Laden zumindest ein bisschen kürzer. Auch ihr Freund packt mit an.

Kleinkauf kann nicht groß einkaufen

Die größte Hürde für den „Kleinkauf“ ist ironischerweise der Großeinkauf. Da der Laden erst seit vier Wochen läuft, fehlen die nötigen Umsatzzahlen für Großmarkt-Rabatte. Die Konsequenz: Sens kauft wie jeder normale Bürger bei Edeka oder Kaufland ein. „Ich schlage pro Produkt etwa zehn Cent drauf, um die Kosten zu decken“, erklärt sie. Das Ziel seien normale Supermarktpreise, doch bis dahin ist es ein steiniger Weg während die Kredite, die Miete für den Stellplatz und die Stromkosten monatlich bedient werden wollen.

Diese regionalen Waren gibt es

Trotz der Preisgestaltung setzt die junge Gründerin auf lokale Unterstützung. Die Bäckerei Allgaier aus Dühren liefert morgens frische Backwaren, und der „Grüne Hof“ aus Ittlingen bringt Kartoffeln direkt vorbei. Für alles andere – von Chips über Tiefkühlkost bis zu frischem Gemüse – gibt es eine Wunschbox für die Kunden.

Ob sich das Konzept dauerhaft trägt, wird die Zeit zeigen. Aktuell ist Coco’s Kleinkauf vor allem ein leidenschaftlicher Versuch, das Dorfleben ein Stück weit einfacher zu machen, bis der große Discounter irgendwann übernimmt. Bis dahin hofft Florentine Sens, dass die Ittlinger ihren Mut honorieren – und vielleicht den einen oder anderen Zettel in die Wunschbox werfen.

Redaktion
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