Mit Liegestühlen, Livemusik, Bastelaktionen und einem großen Flohmarkt will die Stadt mehr Menschen in die Sinsheimer Innenstadt bringen. Das funktioniert zumindest dann, wenn dort etwas stattfindet, für das Menschen tatsächlich kommen. Ob damit auch der Einzelhandel dauerhaft gestärkt wird, ist eine andere Frage. Und was das alles kostet, verrät die Stadt bislang nicht.
Rund 2.000 Menschen kamen nach Angaben der Stadt am vergangenen Freitag zum Open-Air-Flohmarkt in die Sinsheimer Allee. Sie liefen zwischen den Ständen umher, stöberten, kauften und blieben anschließend teilweise noch zum After Work in der Innenstadt. Sommerliches Wetter, Musik, Getränke, Menschen auf der Straße: So ungefähr stellt man sich in Stadtmarketing-Abteilungen wohl den Moment vor, in dem eine Innenstadt wieder „belebt“ ist.
Die Stadt meldete entsprechend einen „vollen Erfolg“.
Und tatsächlich: Wenn sich zeitweise so viele Menschen durch die Allee bewegen, dass zwischen den Flohmarktständen kaum noch ein Durchkommen ist, dann ist dort offensichtlich etwas gelungen. Zumindest für einen Nachmittag.
Nur was genau?
War der Flohmarkt erfolgreich? Das After Work? Die Veranstaltungsreihe? Der Einzelhandel? Oder gleich die ganze Innenstadt?
Unter dem Namen „Sinse.Mein.Sommer“ versucht die Stadt Sinsheim derzeit, all das miteinander zu verbinden. Es gibt Musik, Mitmachaktionen, gastronomische Angebote, Familienprogramm und grüne Liegestühle vor Geschäften. Die Liegestühle sind der sichtbarste Teil der Aktion – und zugleich der Teil, bei dem man sich am schnellsten fragt, ob das schon Innenstadtentwicklung sein soll.
Die Antwort lautet: Nein, nur Liegestühle sind es nicht. Aber ganz so einfach, wie es die Erfolgsmeldungen der Stadt nahelegen, ist die Sache ebenfalls nicht.
Angefangen hat es tatsächlich mit Liegestühlen
Wer in diesen Wochen durch die Sinsheimer Innenstadt läuft, trifft vor verschiedenen Geschäften auf grüne Sitzgelegenheiten. Sie sollen Passanten dazu bringen, nicht nur von einem Ziel zum nächsten zu laufen, sondern zwischendurch einmal stehen – oder besser: sitzen – zu bleiben.
Das klingt zunächst nicht besonders revolutionär. Städte stellen Sitzmöbel auf, damit Menschen sich hinsetzen können. In Innenstädten, in denen viele Aufenthaltsmöglichkeiten an den Kauf eines Kaffees, eines Eises oder einer Mahlzeit gekoppelt sind, ist das allerdings durchaus sinnvoll.
Schon 2024 waren entsprechend gestaltete Liegestühle in Sinsheim aufgestellt worden. Im darauffolgenden Jahr wurde daraus eine größere Aktion. 2025 verteilte die Stadt insgesamt 40 Liegestühle vor teilnehmenden Geschäften. Bezahlt wurden diese damals von der Sparkasse Kraichgau. An sechs Donnerstagen kamen Livemusik, Kreativangebote und ein Literaturprogramm hinzu. Organisiert wurde die Reihe gemeinsam von der Stadt und dem Wirtschaftsforum Sinsheim.
Damals hieß das Ganze noch „Sommer. Sonne. Sinse.“. In diesem Jahr lautet der Name „Sinse.Mein.Sommer“.
Weshalb die Aktion unbedingt einen neuen Namen brauchte, bleibt offen. Der Grundgedanke ist jedenfalls derselbe geblieben: Menschen sollen in die Innenstadt kommen, dort Zeit verbringen und im besten Fall auch Geld ausgeben.
Der neue Name klingt ein wenig nach persönlicher Aneignung. Nicht irgendein Sommer, sondern mein Sommer. Und nicht irgendwo, sondern in Sinse. Stadtmarketing muss schließlich auch dann nach Lebensgefühl klingen, wenn das Programm aus Tischtennis, Button-Pins und bemalten Steinen besteht.
Kein Stadtfest, sondern viele kleine Angebote
„Sinse.Mein.Sommer“ ist kein klassisches Stadtfest. Es gibt kein zusammenhängendes Veranstaltungsgelände, keine große Hauptbühne und auch kein Programm, das sich über mehrere Tage am Stück erstreckt.
Stattdessen hat die Stadt vier einzelne Aktionstage organisiert. Händler, Gastronomen, Vereine und Einrichtungen beteiligen sich mit eigenen Angeboten. Die Innenstadt dient dabei als gemeinsamer Veranstaltungsraum.
Das ist grundsätzlich eine vernünftige Idee. Es braucht nicht immer ein großes Fest mit Absperrungen, Sicherheitsdienst und zentraler Bühne. Kleinere Aktionen lassen sich leichter in den normalen Betrieb der Innenstadt einfügen. Geschäfte können sich beteiligen, ohne gleich einen kompletten Marktplatz bespielen zu müssen. Besucher können zufällig auf etwas stoßen, ohne gezielt eine Veranstaltung anzusteuern.
Der Auftakt fand am 16. Juli mit einem Familiennachmittag statt. Angeboten wurden unter anderem Kinderschminken, Glitzertattoos, Ballons und Begegnungen mit einem Maskottchen. Für Musik sorgte die Band Rumbacoustic. Einzelne Geschäfte ergänzten das Programm mit Spielen, Getränken und Verkaufsaktionen.
Das war der freundliche Einstieg.
Das weitaus größere Ereignis folgte am 24. Juli mit dem Open-Air-Flohmarkt in der Allee. Anschließend schloss sich ein After Work mit Musik, Gastronomie und Getränken an. Nach Angaben der Stadt kamen rund 2.000 Menschen.
Für Sinsheim ist das eine beachtliche Zahl. Sie zeigt vor allem: Gibt es einen konkreten Anlass, kommen Menschen in die Innenstadt.
Das klingt banal. Ist aber offenbar genau das Problem, das solche Programme lösen sollen.
Ein Flohmarkt zieht Menschen an – erstaunlich
Ein großer Flohmarkt besitzt eine ziemlich verlässliche Eigenschaft: Er zieht Besucher an. Menschen kommen, weil sie etwas Bestimmtes erwartet. Viele Stände, gebrauchte Waren, die Aussicht auf ein Schnäppchen und das Gefühl, etwas entdecken zu können.
Dafür braucht es kein kompliziertes städtebauliches Konzept. Es braucht genügend Verkäufer, eine geeignete Fläche und möglichst gutes Wetter.
Der Sinsheimer Flohmarkt hat diese Aufgabe offenbar erfüllt. Die Allee war voll, die Menschen blieben, und das anschließende Gastronomieangebot konnte von der vorhandenen Menge profitieren.
Das ist ein Erfolg.
Nur ist ein erfolgreicher Flohmarkt noch nicht automatisch der Beleg für eine erfolgreiche Innenstadtstrategie.
Denn die Besucher kamen zunächst wegen des Flohmarkts. Ob sie dabei auch in den umliegenden Geschäften eingekauft haben, ob Restaurants und Cafés deutlich mehr Umsatz erzielten und ob Menschen später an einem gewöhnlichen Donnerstag wiederkommen, lässt sich aus der Zahl von 2.000 Besuchern nicht ablesen.
Die Stadt teilt dazu bislang keine Zahlen mit.
Es gibt keine veröffentlichten Umsatzrückmeldungen der beteiligten Betriebe. Keine Angaben darüber, wie lange die Besucher geblieben sind. Keine Vergleiche mit einem gewöhnlichen Freitagnachmittag. Und auch keine Information darüber, wie viele Menschen ausschließlich über den Flohmarkt gingen und anschließend wieder nach Hause fuhren.
Das muss nicht bedeuten, dass die Aktion dem Handel nichts gebracht hat. Es bedeutet nur, dass man es nicht weiß.
Ein voller Straßenzug lässt sich fotografieren. Nachhaltige Wirkung ist etwas schwieriger.
Trockenfummel, Palmwedel und Tischtennis
Am Donnerstag, 30. Juli, geht die Reihe weiter. Zwischen 16 und 19 Uhr soll es erneut ein Familienprogramm geben. Der TV Sinsheim stellt in der Bahnhofstraße Tischtennisplatten auf. Das Spielmobil Kraichgau bringt Spiele mit. Beim JuMo Sinsheim können Button-Pins gestaltet werden, die Volkshochschule lädt zum Bemalen von Steinen ein.
Vor dem Café Muße beginnt um 17.30 Uhr außerdem ein Workshop mit dem Namen „Trockenfummel & Palmwedel“. Dabei sollen aus getrockneten Palmwedeln dekorative Kunstwerke für die Wand entstehen. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung nicht notwendig.
Man kann das charmant finden. Und vermutlich ist es genau das auch: ein niedrigschwelliges, freundliches Angebot für Menschen, die ohnehin in der Innenstadt sind oder mit ihren Kindern gezielt vorbeikommen.
Ob Palmwedel-Wandkunst allerdings Besucher aus dem regionalen Umfeld nach Sinsheim zieht, darf zumindest als offene Frage gelten.
Am 6. August endet die Reihe mit einem weiteren Familiennachmittag. Dann sind ein Kinderzirkus, Perlenschmuck, Heliumballons, ein Glücksrad und erneut das Spielmobil angekündigt. Der Musiker „Kingseyes“ soll mit Reggae- und Afro-Dancehall-Klängen für die passende Sommerstimmung sorgen. Dazu kommen ein Melonenstand und weitere Angebote aus Gastronomie und Einzelhandel.
Das Programm ist damit tatsächlich mehr als eine Ansammlung von Liegestühlen. Die Stühle sind nur das wiedererkennbare Symbol. Der eigentliche Inhalt besteht aus kleinen Veranstaltungen, Kooperationen und dem Versuch, Menschen für einige Stunden länger in der Innenstadt zu halten.
Die Innenstadt als Erlebnisfläche
Im Stadtmarketing spricht man bei solchen Aktionen gerne von „Frequenz“. Gemeint sind Menschen. Genauer gesagt: Menschen, die durch eine Einkaufsstraße laufen und dort idealerweise etwas kaufen.
„Sinse.Mein.Sommer“ ist damit ein sogenanntes Frequenzprojekt. Die Stadt schafft Anlässe, der Handel soll von den zusätzlichen Besuchern profitieren. Aus einer Straße, in der man Besorgungen erledigt, soll zeitweise eine Erlebnisfläche werden.
Das ist kein Sinsheimer Sonderweg. Innenstädte stehen vielerorts vor denselben Problemen. Menschen bestellen im Internet, Kaufhäuser verschwinden, kleinere Geschäfte geben auf, und aus ehemaligen Verkaufsflächen werden Leerstände. Gleichzeitig reicht es heute oft nicht mehr, einfach nur Geschäfte nebeneinanderzustellen und darauf zu hoffen, dass die Kundschaft schon kommen wird.
Also werden Veranstaltungen organisiert. Es gibt Straßenmusik, Märkte, Spielgeräte, Sitzmöbel und Aktionen für Kinder. Aus Einkaufen wird „Aufenthaltsqualität“. Aus Passanten werden „Frequenz“. Und aus einem Nachmittag mit Basteltisch wird eine Maßnahme zur Stärkung des stationären Einzelhandels.
Das klingt mitunter größer, als es ist. Falsch ist es deshalb nicht.
Wer sich irgendwo hinsetzen kann, bleibt möglicherweise länger. Wer wegen eines Kinderprogramms kommt, kauft vielleicht ein Eis. Wer beim Flohmarkt unterwegs ist, trinkt anschließend etwas. Und wer eine Innenstadt lebendig erlebt, nimmt sie möglicherweise anders wahr als an einem verregneten Dienstagvormittag.
Nur lösen vier Aktionsnachmittage keine strukturellen Probleme.
Liegestühle beseitigen keine Leerstände. Livemusik ersetzt kein attraktives Warenangebot. Und ein kostenloser Basteltisch kann nicht ausgleichen, wenn Menschen für viele Einkäufe längst andere Orte oder das Internet bevorzugen.
Wer bezahlt den Sinsheimer Sommer?
Die teilnehmenden Händler und Gastronomen finanzieren die Reihe nicht allein. Die Stadt weist in ihren Mitteilungen ausdrücklich darauf hin, dass „Sinse.Mein.Sommer“ durch das Förderprogramm „Sofortprogramm Einzelhandel / Innenstadt“ des baden-württembergischen Wirtschaftsministeriums unterstützt wird.
Das Programm soll Kommunen dabei helfen, neue Veranstaltungen und Stadtmarketingmaßnahmen auf die Beine zu stellen. Ziel ist es, mehr Besucher in die Innenstädte zu holen und dadurch den stationären Handel zu stärken.
Das Land übernimmt bei solchen Veranstaltungsprojekten bis zu 60 Prozent der anerkannten Kosten. Es handelt sich um einen Zuschuss, der nicht zurückgezahlt werden muss.
Die restlichen 40 Prozent müssen vom Antragsteller selbst oder mithilfe weiterer Geldgeber finanziert werden. Bei einer mehrtägigen Veranstaltungsreihe kann der Landeszuschuss bis zu 50.000 Euro betragen. Mindestens müssen 5.000 Euro beantragt werden.
Damit ist klar: Auch „Sinse.Mein.Sommer“ wird zumindest teilweise mit Steuergeld finanziert.
Wie viel Steuergeld genau in Sinsheim eingesetzt wird, ist dagegen nicht klar.
Die Stadt nennt in ihren öffentlichen Mitteilungen weder die Gesamtkosten der Reihe noch die konkret bewilligte Fördersumme. Auch zum städtischen Eigenanteil gibt es keine Angaben. Unbekannt bleibt ebenso, ob und in welcher Höhe Sponsoren oder beteiligte Unternehmen Geld beisteuern.
Schon die Liegestühle des Vorjahres wurden von der Sparkasse Kraichgau gesponsert. Ob es in diesem Jahr vergleichbare Sach- oder Geldleistungen gibt, ist öffentlich nicht aufgeschlüsselt.
Auch eine Kostenübersicht fehlt. Wie viel erhalten die Musiker? Was kosten Werbung, Technik und Organisation? Fallen Ausgaben für Genehmigungen, Absperrungen oder Sicherheitsmaßnahmen an? Welche Programmpunkte werden ehrenamtlich angeboten, welche bezahlt?
Der Hinweis auf das Förderprogramm verrät also, nach welchem grundsätzlichen Modell die Aktion finanziert wird. Er verrät nicht, was der Sinsheimer Sommer tatsächlich kostet.
Förderung mit eingebauter Erfolgserzählung
Dass solche Aktionen öffentlich gefördert werden, ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Das Land hat das Programm gerade deshalb aufgelegt, weil Innenstädte vielerorts nicht mehr von selbst funktionieren wie früher.
Der Zuschuss soll Kommunen ermöglichen, neue Formate auszuprobieren. Der Staat bezahlt einen großen Teil, die Stadt organisiert, lokale Akteure beteiligen sich, und am Ende sollen mehr Menschen durch die Einkaufsstraßen laufen.
Der Erfolg wird dabei häufig schon über die Besucherzahl erzählt. Viele Menschen waren da, also war die Veranstaltung erfolgreich.
Beim Flohmarkt ist diese Rechnung nachvollziehbar. Rund 2.000 Besucher sind ein deutliches Ergebnis. Bei den kleineren Aktionsnachmittagen wäre interessant, wie viele Menschen tatsächlich gezielt wegen des Programms kommen und wie viele ohnehin unterwegs sind.
Noch interessanter wäre, was die beteiligten Unternehmen davon haben.
Eine Maßnahme zur Stärkung des Einzelhandels sollte schließlich nicht nur daran gemessen werden, ob Kinder Steine bemalt und Erwachsene in Liegestühlen gesessen haben. Entscheidend wäre, ob Händler mehr Kunden und höhere Umsätze hatten, ob neue Besucher gewonnen wurden und ob die Innenstadt über die Aktionstage hinaus profitiert.
Bislang erzählt die Stadt vor allem, was stattfindet und wie gut einzelne Termine besucht waren. Eine Auswertung der wirtschaftlichen Wirkung gibt es öffentlich nicht.
Vielleicht folgt sie noch. Vielleicht werden Händler befragt, Besucherzahlen verglichen und Kosten offengelegt. Vielleicht zeigt sich dann, dass das Projekt tatsächlich messbar etwas bewirkt hat.
Oder es bleibt bei schönen Bildern von gut besuchten Straßen.
Mehr als Liegestühle, weniger als eine Lösung
„Sinse.Mein.Sommer“ ist nicht bloß eine Dekorationsaktion. Hinter den grünen Liegestühlen steht ein echtes Programm mit Musik, Märkten, Familienangeboten und Beteiligung lokaler Einrichtungen. Besonders der Flohmarkt hat gezeigt, dass sich viele Menschen in die Sinsheimer Innenstadt bringen lassen, wenn dort etwas stattfindet, das sie interessiert.
Das ist mehr, als ein paar Sitzmöbel leisten könnten.
Aber es ist noch kein Beweis dafür, dass die Innenstadt dadurch dauerhaft gestärkt wird.
Der Flohmarkt zieht, weil er ein Flohmarkt ist. Ein Kinderzirkus kann Familien für einen Nachmittag anlocken. Musik und Gastronomie können dafür sorgen, dass Menschen länger bleiben. All das kann Handel und Gastronomie helfen.
Ob es das tatsächlich tut, müsste die Stadt allerdings nicht nur behaupten, sondern untersuchen.
Solange weder die genauen Kosten noch die wirtschaftliche Wirkung bekannt sind, lässt sich „Sinse.Mein.Sommer“ vor allem als das beschreiben, was es sichtbar ist: eine öffentlich geförderte Veranstaltungsreihe, die der Innenstadt an einigen Sommertagen mehr Leben verschafft.
Das ist nicht nichts.
Es ist aber auch noch keine Innenstadtstrategie.












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