Wenn Zeitdruck zum Explosionsrisiko wird
A6 bei Sinsheim. Es ist kurz nach acht Uhr morgens auf der Tank- und Rastanlage Kraichgau-Süd. Der Trucker-Alltag wird von einem Gewusel aus neongelben Westen und Blaulicht unterbrochen. Motorradpolizisten scheren immer wieder aus dem fließenden Verkehr der A6 aus, setzen sich vor Fahrzeuge und lotsen sie auf den Rasthof. Im Schlepptau: Sattelzüge, Autotransporter und unauffällige Planen-Lkw, die eines gemeinsam haben – sie tragen eine Ladung, die keine Fehler verzeiht. Rund 40 Einsatzkräfte der Verkehrspolizeiinspektion Mannheim und Spezialisten umliegender Dienststellen haben sich an diesem Dienstag postiert. Ihr Fokus: Gefahrgut und Abfall. Es sind die sensiblen Bereiche des Schwerlastverkehrs, in denen Fehler nicht nur teuer, sondern oft folgenschwer sind. In der Mitte des Platzes hat die Bereitschaftspolizei ein Zelt errichtet – ein provisorisches Zentrum für Logistik und Verpflegung. Es wird ein langer Tag.
Eine Quote, die stagniert
Thomas Schult, Einsatzleiter vom Verkehrsdienst Mannheim, blickt auf die ersten Zahlen des Vormittags. Nach zweieinhalb Stunden sind 20 Fahrzeuge überprüft. In 12 Fällen gab es Mängel. „Seit etwa fünf Jahren liegt die Beanstandungsquote fast konstant bei rund 70 Prozent“, sagt Schult. „Es wird eher schlimmer.“ Er blickt auf eine Schlange von Lastern, die heute so schnell nirgendwo mehr hinfahren werden.
Viele Mängel entdeckt
Die Liste der Mängel ist lang: Verstöße gegen Lenk- und Ruhezeiten, technische Defekte, mangelhafte Ladungssicherung. Oft sind es formale Dinge, manchmal jedoch geht es um die Substanz der Sicherheit. Uwe Welle von der Verkehrspolizei Mannheim erläutert die Bandbreite. „Abfall ist rechtlich alles, was jemand anderes loswerden will“, sagt er. Das gilt auch für das verbeulte Schrottauto auf einem Autotransporter. Die Kontrolle sei „ganzeinheitlich“. Man prüft Papiere, Lizenzen und die Legitimation der Fahrer. Gerade bei osteuropäischen Transporten gehe es oft um fehlende Arbeitserlaubnisse. Sprachbarrieren löse man heute mit Übersetzungs-Apps auf dem Smartphone.
Wasserstoffperoxid und Bremsdefekte
Die Realität der Statistik steht nur wenige Meter weiter. Ein Lastwagen geladen mit Wasserstoffperoxid, verstaut in sogenannten IBC-Großbehältern, ist vorerst festgesetzt. Die Sicherung reicht den Experten nicht aus. Nun muss eine Fachfirma anrücken, die Behälter einzeln anheben und Antirutschmatten darunter platzieren. Für den Fahrer bedeutet das einen Stillstand bis in die Abendstunden. Selbst wenn die Kontrollstelle längst abgebaut ist, wird die Autobahnpolizei Walldorf später vorbeikommen müssen, um die Nachbesserung abzunehmen. Vorher gibt es keine Freigabe.
Direkt daneben steht ein Autotransporter mit einem technischen Defekt: Eine Trommelbremse zeigt keine Wirkung. Die Polizei wird das Fahrzeug kostenpflichtig zum TÜV begleiten. Doch das größere Sorgenkind ist die Ladung: Ein verunfalltes Elektroauto. Der Fahrer hat keine Dokumente dabei, die bestätigen, dass der Akku nach dem Aufprall chemisch stabil ist. „Wenn eine Zelle anfängt zu brennen, gibt das eine Kettenreaktion“, erklärt Schult. Bei herkömmlichen Verbrennern wäre die Weiterfahrt nur an der kaputten Bremse gescheitert. So aber bleibt auch dieser Transporter stehen. Der Fahrer zeigt sich einsichtig.
Das Kalkül mit dem Risiko
Warum die Quote trotz der stetigen Kontrollen so hoch bleibt, ist für die Beamten eine Frage der Ökonomie. „Die Fahrer und Speditionen kalkulieren mit dem Risiko“, sagt Schult. Oft seien Gurte und Matten an Bord, würden aber aus Zeitgründen nicht genutzt. Ein IBC-Behälter müsse präzise auf Rutschstoppern abgesetzt werden – ein Aufwand von Minuten, die im eng getakteten Logistikgeschäft oft fehlen. „Es geht 20 Mal gut, aber beim 21. Mal rutscht die giftige Ladung in der Kurve weg.“ Die Folge sind stundenlange Sperrungen, Umweltschäden und volkswirtschaftliche Kosten, die in keinem Verhältnis zur gesparten Zeit stehen.
Explosionsgefahr
Gegen Mittag wird es kurz brenzlig. Die Beamten ziehen einen italienischen Sattelzug aus dem Verkehr – und trauen ihren Augen kaum. Aus einem der riesigen Behälter treten hochgefährliche Gase aus. Was auf dem Papier als ‚Kohlenwasserstoff-Gemisch‘ (UN 3295) deklariert ist, entpuppt sich als hochexplosives Gebräu. In dem stümperhaft verschlossenen Tank befinden sich knapp 1,3 Tonnen einer Chemikalie, die normalerweise in Raffinerien eingesetzt wird. Das Problem: Der Stoff ist ein „Alles-Hasser“. Er brennt extrem leicht, frisst sich durch Oberflächen und ist beim Einatmen hochgiftig. „Es bestand Explosionsgefahr“, betont Nicolas Schütz, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mannheim. Erst nachdem der Behälter gereinigt und fachgerecht versiegelt war, durfte der Lkw weiterrollen. Für den Fahrer und das Unternehmen hat das gefährliche Leck ein Nachspiel. Eine Anzeige wurde noch vor Ort gefertigt.
Am Nachmittag wird das Zelt der Bereitschaftspolizei wieder abgebaut. Die Beamten ziehen ab. Zurück bleiben jene Fahrer, die auf Fachfirmen oder Ersatzteile warten. Solche Großkontrollen finden etwa einmal im Quartal statt; öfter ist es personell kaum zu leisten. An der Quote von 70 Prozent wird sich so schnell wohl nichts ändern. Der Verkehr auf der A6 rollt derweil weiter – in der Hoffnung, dass es auch beim 21. Mal gut geht.
















Rückmeldung an den Autor?