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Süddeutsche Erdgasleitung verändert die Geschichte mancher Kraichgau-Orte

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Viele prähistorische Funde kommen aus dem Boden

Epfenbach/Meckesheim. (jubu) Wo bald Erdgas und später Wasserstoff durch die Leitung fließen soll, herrscht derzeit archäologischer Hochbetrieb: Zwischen Helmstadt und Meckesheim kamen bei den Vorarbeiten für die Süddeutsche Erdgasleitung (SEL) von terranets bw Funde ans Tageslicht, die die Ortsgeschichte enorm erweitern. Von 7.000 Jahre alten Siedlungsresten bis zu römischen Gutshöfen – die Archäologen ziehen ein Puzzle aus dem Schlamm, das ohne die Energiewende wohl für immer im Verborgenen geblieben wäre.

Der betroffene Abschnitt gehört zur sogenannten SEL zwischen Heilbronn-Kirchhausen und Heidelberg-Grenzhof. Seit Frühjahr 2025 wurden hier auf 61 Kilometern vorbereitende Maßnahmen umgesetzt: Rohrlagerplätze, Vermessungen – und vor allem Archäologie. Denn bevor der eigentliche Leitungsbau im Sommer beginnen konnte, wurde geprüft, ob bedeutende Kulturdenkmale im Boden liegen. Und genau das ist der Fall.

Meckesheim ist viel älter als gedacht

Ein Fund bei Meckesheim überrascht die Fachleute: Reste einer Villa rustica – eines römischen Gutshofs sowie einer Mauer aus dem 2. bis 3. Jahrhundert nach Christus. „Wenn hier ein römischer Gutshof lag, dann ist das eine völlig neue Erkenntnis“, erklärt Sascha Schmidt, Geschäftsführer der Grabungsfirma fodilus und Projektleiter der Arge arfo – einer Arbeitsgemeinschaft für Archäologie der Firmen fodilus und Archaeotask. Das hat Konsequenzen für die Chronik: „Auf den Ortstafeln steht 1200 Jahre Meckesheim. Nach unseren Funden können wir jetzt den Edding nehmen, auf dem Schild die 1200 durchstreichen und 1700 hinschreiben.“

Archäologie funktioniert dabei wie ein Puzzle. Zwischen Waibstadt und Epfenbach entdeckte das Team kürzlich ein römisches Brandgräberfeld – also eine antike Ruhestätte, bei der die Asche der Verstorbenen entweder direkt in Gruben geschüttet oder in Urnen mitsamt Beigaben für das Jenseits bestattet wurde. Da solche Felder damals fast immer an Straßen lagen, lässt dies Rückschlüsse auf ein ganzes antikes Wegenetz zu, das direkt zu den Höfen führte. Wer dort begraben liegt? Das sind die Fragen, die die Forscher nun beschäftigen.

In Epfenbach lebten die ersten Bauern

Während in Helmstadt eher die Neuzeit dominiert, kamen bei Epfenbach sogar Spuren der ersten Bauern ans Licht – satte 7.000 Jahre alte Linearbandkeramik. Das ist eine Epoche, die nach den charakteristischen Linienmustern auf den Tongefäßen benannt ist und den Moment markiert, als die Menschen im Kraichgau erstmals sesshaft wurden, Häuser bauten und begannen, Äcker zu bestellen. Ein weiteres Highlight ist eine vor wenigen Tagen gefundene 1.700 Jahre alte römische Haarnadel, die so gut erhalten ist, dass sie sofort in die Restaurierung nach Rastatt geschickt wurde. „Sobald Luft an solche Stücke kommt, beginnt der Zerfall“, erklärt Dr. René Wollenweber vom Landesamt für Denkmalpflege. Die Funde landen später in einem geschützten Archiv. Besonders wertvolle Stücke sogar in einem Tresor.

Dass solche Schätze überhaupt gefunden werden, ist oft der akribischen Vorarbeit von Menschen wie Werner Seber zu verdanken. Der 54-Jährige aus Baiertal ist als ehrenamtlicher Beauftragter des Landesamtes für Denkmalpflege jedes Wochenende drei bis sechs Stunden auf Feldern in der Region unterwegs. Während die Profis von arfo tief graben, konzentriert sich Seber auf das direkt Sichtbare. Ausgestattet mit Metalldetektor, Smartphone und einer offiziellen Schulung dokumentiert er Fundstücke direkt vor Ort. „Ich mache die Oberflächenfunde“, erklärt er – seine Daten landen direkt beim Landesamt und bilden oft die Grundlage dafür, wo später die Bagger vorsichtiger graben müssen.

Bagger bremsen vor den Römern

Die Funde sind ein Segen für die Historiker, aber eine kleine Herausforderung für den Leitungsbauer terranets bw. In Meckesheim wurden bereits Absperrbänder errichtet. Denn die Archäologen begleiten auch die Bauarbeiten um weitere mögliche Funde zu sichern. „Umfahren statt drüberfahren“ heißt es für die schweren Fahrzeuge, um die noch nicht gesicherte römische Villa zu schützen. Die archäologische Baubegleitung wird voraussichtlich noch bis Juni 2026 andauern. Die Villa soll bis Ende März ausgegraben und eingetütet sein. Dann kann auch hier der Bagger wieder ungehindert rollen. Die Archäologie wurde in den Bauablauf vorab eingeplant und hat das Ziel, ihn nicht zu verzögern.

Riesige Flächen werden untersucht

Insgesamt werden entlang der Trasse riesige Flächen untersucht: Auf dem gesamten Verlauf summieren sich die archäologisch relevanten Areale auf rund 80 Hektar. „Das ist eines der größten Archäologieprojekte, das es je in Baden-Württemberg gab“, so Schmidt. Gearbeitet wird mit Baggern für den schichtweisen Abtrag, mit Kellen und Pinseln für die Feinarbeit, mit Metalldetektoren und Drohnen zur Dokumentation. „Vom Spaten bis zum Pinsel brauchen wir alles. Die Kelle ist unser wichtigstes Utensil“, sagt Grabungsleiter Dr. Peter Knötzele. Drei Teams zweier Grabungsfirmen sind gleichzeitig im Einsatz, zeitweise waren mehr als 70 Fachkräfte beteiligt. Sie graben bis zu einem Meter tief in den Boden.

Wer trägt die Kosten der Grabungen?

Dass Archäologie Geld kostet, ist kein Geheimnis – gemessen am Gesamtvolumen des Leitungsbaus bewegt sich der Aufwand jedoch „im Promillebereich“, wie Schmidt betont. Finanziert werden die Untersuchungen von terranets bw. Der Grund für den frühen Beginn der Voruntersuchungen liegt auf der Hand: „Vier Archäologen auf einem leeren Acker sind günstiger, als wenn der Bagger rollt und alles aufgehalten werden muss“, meint arfo-Leiter Schmidt.

Funde sollten besser im Boden bleiben

Dr. René Wollenweber vom Landesamt für Denkmalpflege spricht von Rettungsgrabungen. „Wir machen nur das weg, was den Bauarbeiten im Weg wäre.“ Grundsätzlich gelte die Devise des Erhaltes im Boden – denn jedes ausgegrabene Denkmal könne nicht von nachfolgenden Generationen mit noch besserer Technik untersucht werden. Andererseits bieten Großprojekte wie die Erdgasleitung seltene Chancen, Forschungslücken zu schließen.
Die Süddeutsche Erdgasleitung ist Teil des künftigen Wasserstoff-Kernnetzes und soll ab den 2030er-Jahren Wasserstoff nach Baden-Württemberg transportieren. Heute sorgt sie dafür, dass römische Höfe, bronzezeitliche Gräber und jungsteinzeitliche Siedlungen ans Licht kommen – Funde, die ohne das Projekt wohl weiter im Boden geschlummert hätten.

Funde können ausgeliehen werden – Ausstellungen möglich

Für die Region bedeutet das einen deutlichen Wissenszuwachs. Heimatvereine können Funde später für Ausstellungen ausleihen, Gemeinden gewinnen neue Einblicke in ihre Vergangenheit. Und während die Bagger für die Energiewende bereitstehen, legen die Archäologen Schicht für Schicht Geschichte frei. Mit Geduld, Kelle und genauem Hinsehen.

Redaktion
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