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Technik Museum restauriert Tupolev in luftiger Höhe

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Sowjetischer Flieger trägt Stahlgerüst für Monate

Wer in nächster Zeit über A6 oder Neulandstraße fährt und den Blick kurz Richtung Technik Museum schweift, stutzt: Der „weiße Riese“ trägt Korsett. Das Sinsheimer Wahrzeichen, die sowjetische Tupolev Tu-144, ist in ein gewaltiges Stahlgerüst gehüllt. Nach einem Vierteljahrhundert im Kraichgauer Dauerregen muss etwas getan werden. Pünktlich zum 45-jährigen Museumsjubiläum bekommt der Überschalljet eine Frischekur, die es so in 30 Metern Höhe weltweit noch nicht gegeben hat.

Nach 25 Jahren ist der Lack ab

Es ist eine Baustelle für Schwindelfreie. „Der Lack ist ab, man sieht an vielen Stellen schon die grüne Grundierung durchschimmern“, sagt Michael Stiller, technischer Leiter der Museen Sinsheim Speyer. Eigentlich müssten Flugzeuge alle acht Jahre zum „Repainting“. Die Tupolev hat 25 Jahre lang Wind, Frost und Sonne getrotzt. Lange wurde gegrübelt: Holt man den Vogel zum Streichen per Kran runter? „Wir hätten ihn am Boden kaum in eine Halle bekommen“, erklärt Holger Baschleben vom Museum. Also bleibt die Tupolev oben. Dann fand man eine Lösung: Ein Leichtgewicht-Gerüst wird direkt auf das Hallendach montiert.

Dabei räumt Baschleben mit einem hartnäckigen Gerücht auf: „Viele denken, die Flugzeuge stehen bei uns auf dem Dach.“ Ein Irrtum, der die Halle wohl in die Knie zwingen würde. Die Tupolev und ihre Schwester, die Concorde, ruhen auf massiven Stahlträgern, die durch das Blechdach hindurchgehen und metertief im Hallenboden verankert sind. In der Halle selbst sichern zusätzliche Stützen das Konstrukt ab. Stiller erklärt, dass dort, wo das Gerüst auf dem Dach abgesetzt wird, auf der Innenseite punktgenau Stützen bis in den Boden reichen um die Last zu tragen.

Kein Maler wollte den Auftrag

Vier Wochen dauert allein der Aufbau. Das Gerüst schmiegt sich an die eleganten Kurven des Fliegers bis vor zur markanten Nase. Wer dort oben arbeitet, steht 28 Meter über dem Parkplatz. „Jeder Liter Farbe, jeder Pinsel muss erst einmal hochgebracht werden“, so Stiller. Dass dort oben keine externe Malerfirma am Werk ist, hat einen simplen Grund: „Kein Unternehmen wollte den Auftrag haben“, schmunzelt der technische Leiter. Also packt die hauseigene Museumswerkstatt selbst an.

Bis zu sechs Mitarbeiter schleifen, reinigen und lackieren in den nächsten Monaten die 2.000 Quadratmeter Außenhaut. Dabei geht es nicht um Baumarkt-Farbe, sondern um 500 Liter Spezialmischungen, die die Originalkonsistenz der AEROFLOT-Maschine treffen müssen. In der Fachwelt fürchtet man das „Kaputtrestaurieren“ – den Verlust der Seele eines Exponats durch zu viel neuen Glanz. Die Sinsheimer wollen den Jet erhalten, aber dabei seine Geschichte nicht unter einer zu dicken Farbschicht begraben. Der Vorteil der eigenen Leute: „Wir können gleichzeitig ein Scharnier tauschen oder eine Wartungsklappe richten“, so Stiller. Unterstützt wird das Ganze durch das Netzwerk des Museumsvereins – vom Gerüstbau-Sponsor Layher bis zum Know-how der Mitglieder.

Besucher kommen weiterhin rein

Besucher müssen keine Angst haben, vor verschlossenen Türen zu stehen. Zu 98 Prozent bleibt die Tupolev begehbar. Baschleben beschreibt die Tu-144 neben der Concorde und dem U-Boot U17 als eines von drei großen Highlights des Hauses. Wäre sie über Monate nicht sichtbar oder nicht zugänglich gewesen, hätte das den Charakter des Museums spürbar verändert. Damit niemand im Gerüst-Dschungel die Orientierung verliert, führt ein eigens errichteter Tunnel die Fans zum benachbarten U-Boot U17. Läuft alles nach Plan und spielt das Wetter mit, soll der weiße Riese im Oktober 2026 wieder in frischem Blau-Weiß über dem Gelände thronen.

Redaktion
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