Vor den Landtagswahlen im September 2026 haben YouGov und das SINUS-Institut untersucht, wie Menschen in Ost- und Westdeutschland auf die politische Entwicklung blicken. Befragt wurden insgesamt 3.144 Personen. Hintergrund sind die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. September sowie in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern am 20. September. Drei Viertel der Befragten messen diesen Wahlen eine große Bedeutung für ganz Deutschland bei. Im Osten sagen das 77 Prozent, im Westen 74 Prozent.
Wenn die Befragten an die Wahlen denken, nennen sie am häufigsten Besorgnis. Im Osten sind es 37 Prozent, im Westen 40 Prozent. Danach folgen Neugier mit 23 beziehungsweise 22 Prozent und Hoffnung mit 23 Prozent im Osten und 15 Prozent im Westen. Gleichgültigkeit sowie Müdigkeit oder Genervtheit werden deutlich seltener genannt.
Mehr Menschen erwarten einen AfD-Ministerpräsidenten, als ihn sich wünschen
43 Prozent der Befragten in Ostdeutschland und 38 Prozent in Westdeutschland erwarten, dass die AfD nach den Wahlen im September erstmals einen Ministerpräsidenten stellen wird. Der Anteil derjenigen, die sich dies ausdrücklich wünschen, ist niedriger. Im Osten sprechen sich 35 Prozent dafür aus, im Westen 25 Prozent. Gleichzeitig glauben 67 Prozent der Befragten im Osten und 62 Prozent im Westen, dass die AfD unabhängig vom Verhalten der anderen Parteien weiter an Bedeutung gewinnen wird.
Mehrheit sieht die Demokratie in Gefahr
Mehr als zwei Drittel der Befragten in Ostdeutschland sehen die Demokratie in Deutschland in Gefahr. Dort sind es 71 Prozent, im Westen 66 Prozent. Nach den Ergebnissen der Studie wird eine Gefahr von rechts häufiger genannt als eine Gefahr von links. Im Osten sehen 55 Prozent eine Gefahr von rechts und 51 Prozent eine von links. Im Westen sind es 63 beziehungsweise 50 Prozent.
Fast die Hälfte der Menschen in beiden Landesteilen ist außerdem der Ansicht, dass die Demokratie in Deutschland vor zehn Jahren besser funktioniert habe als heute. Im Osten stimmen dem 48 Prozent zu, im Westen 49 Prozent. Auch für die Zukunft sind viele Befragte pessimistisch. 46 Prozent im Osten und 45 Prozent im Westen erwarten, dass die Demokratie in den kommenden zehn Jahren schlechter funktionieren wird.
Deutlicher unterscheiden sich die Antworten bei der Frage nach dem Einfluss der AfD auf die Demokratie. Im Westen bewerten 61 Prozent den Einfluss negativ und 29 Prozent positiv. Im Osten liegen beide Gruppen näher beieinander: 46 Prozent sehen den Einfluss negativ und 43 Prozent positiv.
Gründe für Unzufriedenheit werden unterschiedlich bewertet
Die Studie fragte auch danach, wie sich die politische Unzufriedenheit vieler Menschen in Ostdeutschland erklären lässt. Dabei zeigen sich Unterschiede zwischen Ost und West. Ostdeutsche stimmen häufiger Erklärungen zu, die sich auf wirtschaftliche Benachteiligungen und persönliche Erfahrungen beziehen. 54 Prozent der Befragten im Osten meinen, dass Löhne, Renten und Erbschaften dort bis heute niedriger seien als im Westen. Unter den Westdeutschen stimmen dieser Aussage 36 Prozent zu.
37 Prozent der Ostdeutschen sind der Meinung, dass die Lebensleistung der Menschen im Osten bis heute nicht ausreichend anerkannt werde. Im Westen stimmen dem 18 Prozent zu. Dass sich viele Menschen durch Zuwanderung und gesellschaftliche Veränderungen fremd in ihrer eigenen Heimat fühlten, nennen 37 Prozent im Osten und 35 Prozent im Westen. 28 Prozent der Ostdeutschen und 16 Prozent der Westdeutschen stimmen zudem der Aussage zu, dass wichtige Positionen in Politik, Medien und Wirtschaft meistens von Menschen aus dem Westen besetzt seien.
Westdeutsche Befragte nennen dagegen häufiger Erklärungen, die mit der Geschichte nach der deutschen Teilung zusammenhängen. 44 Prozent im Westen und 36 Prozent im Osten meinen, dass nach dem Mauerfall viele Erwartungen auf ein besseres Leben enttäuscht worden seien. Ein fortbestehendes Misstrauen gegenüber dem Staat aus DDR-Zeiten sehen 31 Prozent im Westen und 20 Prozent im Osten als Erklärung. Dass fehlende Erfahrungen mit Demokratie im Alltag der DDR bis heute nachwirkten, sagen 21 Prozent im Westen und elf Prozent im Osten.
Viele halten den ständigen Ost-West-Vergleich für problematisch
47 Prozent der Ostdeutschen finden, dass die Unzufriedenheit der Menschen im Osten in Politik und Medien übertrieben dargestellt werde. Im Westen teilen 37 Prozent diese Einschätzung. Noch größer ist die Übereinstimmung bei der Frage, ob der ständige Vergleich zwischen Ost und West Deutschland eher auseinandertreibt. Das glauben 82 Prozent der Befragten im Osten und 75 Prozent im Westen.
Mehrheiten in beiden Teilen Deutschlands meinen außerdem, dass sich Ost- und Westdeutsche ähnlicher seien, als es in Politik und Medien dargestellt werde. Im Osten stimmen dem 56 Prozent zu, im Westen 54 Prozent. Dass die Unterschiede zwischen den Menschen insgesamt übertrieben dargestellt würden, sagen 53 Prozent im Osten und 50 Prozent im Westen.
Studie untersucht auch unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen
Das SINUS-Institut untersuchte zusätzlich, ob unterschiedliche Einstellungen tatsächlich mit dem Wohnort im Osten oder Westen zusammenhängen. Dafür wurden die Befragten sogenannten Sinus-Milieus zugeordnet. Diese teilen Menschen anhand ihrer sozialen Lage und ihrer Werte in zehn gesellschaftliche Gruppen ein.
Nach Einschätzung des Instituts ähneln sich Menschen desselben Milieus in Ost und West häufig stärker als Menschen aus unterschiedlichen Milieus innerhalb derselben Region. Unterschiede zeigen sich dabei nicht nur bei politischen Einstellungen, sondern beispielsweise auch bei Lebensstil, Konsum und Kommunikation. Alle zehn untersuchten Milieus kommen sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland vor, allerdings unterschiedlich häufig. Bei Fragen, die unmittelbar mit der DDR-Geschichte oder persönlichen Erfahrungen im Verhältnis zwischen Ost und West zusammenhängen, spielt die regionale Herkunft nach Angaben des Instituts dagegen eine größere Rolle.
Wiedervereinigung wird mehrheitlich positiv bewertet
37 Jahre nach dem Mauerfall bewerten Mehrheiten in beiden Teilen Deutschlands die Wiedervereinigung positiv. 67 Prozent der Ostdeutschen und 63 Prozent der Westdeutschen halten den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung für einen Glücksfall für Deutschland. Jeweils elf Prozent wünschen sich die Mauer und die Teilung Deutschlands zurück.
Bei der Frage, ob Deutschland seit der Wiedervereinigung tatsächlich zu einer Nation zusammengewachsen ist, fallen die Werte niedriger aus. Im Osten stimmen dem 33 Prozent zu, im Westen 43 Prozent. Gleichzeitig bestehen alte gegenseitige Vorurteile weiter. 71 Prozent der Ostdeutschen meinen, Westdeutsche träten noch immer als sogenannte „Besser-Wessis“ auf. 43 Prozent der Westdeutschen sind der Ansicht, Ostdeutsche würden weiterhin zu viel jammern.
Auch die DDR wird unterschiedlich bewertet. Der Aussage, der Sozialismus in der DDR sei eine gute Idee gewesen, die lediglich schlecht umgesetzt worden sei, stimmen 50 Prozent der Ostdeutschen und 23 Prozent der Westdeutschen zu. 78 Prozent der Ostdeutschen und 47 Prozent der Westdeutschen meinen außerdem, dass der Westen vom Osten lernen könne. Umgekehrt glauben 31 Prozent im Osten und 41 Prozent im Westen, dass der Osten vom Westen lernen könne.
Mehr als 3.100 Menschen wurden befragt
Für die Untersuchung wurden zwischen dem 23. Juni und dem 3. Juli 2026 insgesamt 3.144 Mitglieder des YouGov-Panels online befragt. Davon lebten 1.571 Menschen in den ostdeutschen Bundesländern einschließlich Berlin und 1.573 in Westdeutschland. Die Stichproben für Ost und West wurden unter anderem nach Alter, Geschlecht, Bildung, Bundesland, Urbanisierungsgrad, politischem Interesse und dem Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2025 zusammengestellt und anschließend entsprechend gewichtet. Nach Angaben der Studienautoren sind die Ergebnisse jeweils repräsentativ für die Wohnbevölkerung in Ost- beziehungsweise Westdeutschland.













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