Sinsheim

Warum der Radweg zwischen Steinsfurt und Adersbach einen (bald) unnötigen Buckel hat

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Warum der Radweg zwischen Steinsfurt und Adersbach einen (bald) unnötigen Buckel hat
Vorher: Hier hingen die Leiterseile noch am Abspannmast - der Radweg verläuft über den kleinen Hügel rechts unten

Teure Mauer für ein Phantom

Wer auf dem Radweg entlang der K 4283 zwischen Steinsfurt und Adersbach in die Pedale tritt, kommt unweigerlich an eine Stelle, die Fragen aufwirft. Etwa auf halber Strecke ragt eine massive Natursteinmauer empor, das Gelände macht einen ordentlichen Satz nach oben. Der Grund für diesen baulichen Kraftakt: Ein mächtiger Hochspannungsleitungsmast der Firma Amprion, dessen Standfestigkeit durch den Radwegbau bedroht war. Doch kaum war der Beton trocken und das Band durchschnitten, folgte die Hiobsbotschaft für alle Steuerzahler: Die Stromleitung wird nicht mehr gebraucht. Die Leitungen sind schon gekappt und der Mast wird demnächst zerlegt. Hätte man sich den teuren Aufwand also sparen können?

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Der Ist-Zustand: Ende 2025 sind die Leiterseile abmontiert. Hundert Jahre stand der Strommast. Wohl genausolange müssen die Radfahrer nach dem Abbau des Mastes mit der Steigung leben

Ein Mast mit Eigensinn

Ein aufmerksamer Beobachter traute seinen Augen kaum, als er die Szenerie begutachtete. Die aufwendige Stützmauer und die massive Niveauangleichung, die nach Schätzungen locker einen sechsstelligen Betrag verschlungen haben dürften, wirken plötzlich wie ein Denkmal für mangelnde Absprache. Der Mast, der dort seit fast hundert Jahren thront, wird nun einfach nicht mehr gebraucht. „Das Ding hätte man sich sparen können“, lautet das Fazit vieler, die die Baustelle kennen. Denn nun steht fest: Wäre der Mast ein Jahr früher gefallen, hätte der Radweg auf Straßenniveau verlaufen können – ohne Mauer, ohne künstliche Kuppe, ohne Extrakosten.

Zwischen Fördermittel-Druck und vagen Versprechen

Auf Nachfrage beim Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis zeigt sich: Die Verantwortlichen wussten zwar, dass der Mast irgendwann weg soll, doch die Kommunikation mit dem Netzbetreiber Amprion glich eher einem Blick in die Glaskugel. „Frühestens Ende 2023“, hieß es 2022 vage aus der Konzernzentrale. In anderen Gesprächen war gar von fünf bis zehn Jahren die Rede.
Für das Landratsamt begann damit ein bürokratischer Eiertanz. Denn über allem schwebte das Damoklesschwert der Fördergelder. Bund und Land schossen satte 90 Prozent der Kosten zu – aber nur unter der Bedingung, dass der Radweg bis Ende 2023 fertig wird. Hätte man auf den Abriss des Mastes gewartet, wären die Millionen-Zuschüsse vermutlich futsch gewesen. Dass der Mast Ende 2024 außer Betrieb geht, wusste zu diesem Zeitpunkt keiner im Amt für Straßen- und Radwegebau. Eine alternative Trassenführung scheiterte zudem am Veto eines privaten Grundstückseigentümers, der keinen Meter Boden hergeben wollte.

Der Hubbel bleibt

Und was passiert jetzt mit der „Schanze“ im Radweg, wenn der Mast weg ist? Die Antwort aus dem Landratsamt fällt nüchtern aus: Nichts. Die Kuppe entspricht den Regeln der Technik und sei „verkehrsgerecht“. Ein Rückbau auf das Niveau der Kreisstraße würde erneut Geld kosten, für das es diesmal keine üppigen Zuschüsse gäbe.
So bleibt den Radlern zwischen Steinsfurt und Adersbach wohl auf Jahrzehnte ein Mahnmal der deutschen Planungsrealität erhalten: Ein kurzes Stück Bergwertung, das an eine Zeit erinnert, in der ein Strommast wichtiger war als eine ebene Fahrbahn – und in der Fristen von Fördermittel den Takt der Bagger vorgaben.
Redaktion
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