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Wein ohne Schnöselfaktor: So kommen Sie rein, ohne peinlich zu werden

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Wein ohne Schnöselfaktor: So kommen Sie rein, ohne peinlich zu werden
Photo by Vinotecarium on Pixabay

Es gibt kaum ein Getränk, das so gut schmeckt und so schlecht vermarktet wird wie Wein. Wer sich zum ersten Mal ernsthaft dafür interessiert, landet in einem Paralleluniversum aus Punktetabellen, Jahrgangscharts und Verkostungsnotizen, in denen von nassen Steinen und zerdrückten Veilchen die Rede ist. Kein Wunder, dass viele Männer lieber beim Bier bleiben oder beim immergleichen Supermarkt-Primitivo. Dabei ist der Einstieg in Wein ungefähr so kompliziert wie der Einstieg in guten Kaffee oder gute Uhren. Man muss nur wissen, welche Abkürzungen man nehmen darf.

Die erste Abkürzung: Ignorieren Sie Punkte. 92 Parker-Punkte sagen Ihnen genau nichts darüber, ob Ihnen der Wein schmeckt. Punkte sind das Urteil eines fremden Gaumens, trainiert auf einen bestimmten Stil, oft auf Wucht und Holz. Dasselbe gilt für Jahrgangstabellen. Ob 2019 an der Mosel besser war als 2021, ist eine legitime Frage für Leute, die Kisten einlagern. Für Sie ist es so relevant wie die Rundenzeiten auf der Nordschleife für Ihren Arbeitsweg. Am Anfang zählt nur eine Frage: Was schmeckt mir, und warum?

Und die beantwortet man nicht mit Vokabeln, sondern mit einem simplen Trick, den Profis ständig nutzen und Anfänger fast nie: dem direkten Vergleich. Ein Wein allein ist stumm. Zwei Weine nebeneinander fangen an zu reden. Wer einmal einen Riesling und einen Chardonnay im selben Moment im Glas hatte, versteht sofort, was Säure ist und was Schmelz. Das lässt sich nicht anlesen, das muss man schmecken, und zwar parallel, nicht an zwei verschiedenen Abenden mit zwei verschiedenen Pizzen.

Daraus folgt das einzige Lernprogramm, das Sie brauchen: Nehmen Sie sich drei oder vier Rebsorten vor und trinken Sie sich systematisch durch. Riesling, weil er die deutsche Paradedisziplin ist, präzise, straff, mit Säure wie ein gut abgestimmtes Fahrwerk. Spätburgunder, weil er zeigt, dass Rotwein nicht fett und marmeladig sein muss, sondern elegant und fast zart sein kann. Chardonnay, weil er das Chamäleon unter den Weißweinen ist, mal schlank und mineralisch, mal cremig vom Holzfass. Und Syrah, weil er Pfeffer, Rauch und dunkle Frucht liefert, also genau das, was viele Männer an Rotwein eigentlich suchen und im falschen Regal nie finden. Vier Sorten, jeweils zwei Flaschen aus unterschiedlichen Regionen oder Preisklassen, und ein paar Abende mit Freunden. Danach wissen Sie mehr als nach jedem Weinseminar.

Beim Budget gilt eine unbequeme Wahrheit, die Ihnen kein Prospekt verrät: Preis und Qualität korrelieren nur bis zu einem gewissen Punkt. Zwischen fünf und fünfzehn Euro passiert enorm viel. Hier trennt sich Industrieware von handwerklich gemachtem Wein, hier schmeckt jeder den Unterschied, auch ohne Übung. Zwischen fünfzehn und dreißig Euro wird es feiner, präziser, interessanter. Darüber kaufen Sie zunehmend Rarität, Renommee und Etikett. Das kann seinen Reiz haben, so wie ein Chronograph seinen Reiz hat, der nicht genauer geht als eine Quarzuhr. Aber niemand sollte glauben, dass eine 80-Euro-Flasche viermal so gut schmeckt wie eine für 20. Tut sie nicht. Die klügsten Weintrinker, die ich kenne, kaufen fast alles zwischen zwölf und fünfundzwanzig Euro und geben nur zu besonderen Anlässen mehr aus.

Bleibt die Frage, wo man kauft. Die ehrliche Antwort: bei Menschen, die Ihnen erklären können, warum eine Flasche gut ist. Das Supermarktregal kann das nicht, der Algorithmus eines großen Onlineshops auch nicht. Ein guter Händler dagegen stellt Gegenfragen, hört raus, dass Sie Säure mögen oder eben nicht, und drückt Ihnen dann etwas in die Hand, auf das Sie allein nie gekommen wären. Wer keinen guten Weinladen in der Nähe hat, findet dieses Prinzip inzwischen auch im Netz. Plattformen wie Bottle Hero bündeln das Sortiment unabhängiger Weinhändler und lassen Sommeliers statt Algorithmen auswählen, was ins Angebot kommt. Das Ergebnis ist dasselbe wie beim Händler um die Ecke: Hinter jeder Flasche steht jemand, der sie probiert hat und begründen kann, warum sie da steht. Genau diese Begründung ist für Anfänger Gold wert, weil man an ihr entlang lernt.

Was Sie dagegen getrost auslassen können, ist das Vokabeltraining. Niemand muss von Cassis und Unterholz sprechen, um Wein zu verstehen. Die Sprache kommt von allein, wenn überhaupt, und sie ist ohnehin nur ein Hilfsmittel. Selbstbewusstsein am Weinregal entsteht nicht durch Begriffe, sondern durch Referenzpunkte. Wer zehn Rieslinge getrunken hat, erkennt den elften. Wer weiß, wie ein schlanker Spätburgunder von der Ahr schmeckt, kann einen überextrahierten Discounter-Pinot einordnen, ohne ein einziges Fachwort zu benutzen. Ihr Gaumen baut sich eine Datenbank auf, ob Sie wollen oder nicht. Sie müssen ihn nur mit Vergleichen füttern statt mit Zufallstreffern.

Ein paar Dinge beschleunigen den Prozess. Trinken Sie Weißwein nicht eiskalt, sondern kühl, sonst schmecken Sie nur Temperatur. Geben Sie einem Rotwein zwanzig Minuten im Glas, er verändert sich, und dieser Wandel ist eine der besten Gratisvorstellungen, die das Getränk zu bieten hat. Und trauen Sie sich, einen Wein schlecht zu finden, der teuer war oder gelobt wurde. Ihr Geschmack ist keine Prüfung, die Sie bestehen müssen. Er ist der einzige Maßstab, der am Ende zählt, denn Sie trinken den Wein, nicht der Kritiker.

Der eigentliche Witz an der ganzen Sache: Wein wird umso unkomplizierter, je mehr man davon versteht. Anfänger stehen ehrfürchtig vor dem Regal, Fortgeschrittene greifen entspannt zu, weil sie wissen, was sie mögen, und weil sie gelernt haben, dass ein Fehlkauf kein Drama ist, sondern eine Information. Die Schnösel, vor denen Sie sich fürchten, sind in Wahrheit meist Leute, die auf halber Strecke stehen geblieben sind und die Unsicherheit mit Vokabular übertünchen. Die wirklich guten Weinleute, Winzer, Händler, Sommeliers, reden erstaunlich einfach über Wein. Sie sagen Sätze wie: Der hat Zug. Oder: Der macht Spaß, kauf zwei.

Fangen Sie also klein an, aber fangen Sie richtig an. Vier Rebsorten, immer im Doppel verkostet, gekauft bei Leuten mit Meinung, getrunken ohne Andacht. In einem halben Jahr bestellen Sie im Restaurant nicht mehr den zweitbilligsten Wein der Karte, sondern den, den Sie wirklich wollen. Und das, seien wir ehrlich, ist eine Form von Souveränität, die man weder kaufen noch googeln kann. Man muss sie sich ertrinken. Im besten Sinne.

Redaktion
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