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So geht es beim Ausbau der B292 bei Waibstadt weiter

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So geht es beim Ausbau der B292 bei Waibstadt weiter
Linksabbiegen an der Daisbacher Höhe kann lange dauern. Künftig können Autos aus allen Richtungen kreuzungsfrei auf die Bundesstraße fahren.

Im Schritttempo in die 2030er Jahre

Rote Rücklichter, so weit das Auge reicht. Lastwagenkolonnen rollen einspurig die Daisbacher Höhe hinab. Dahinter reihen sich dicht an dicht die Pendler aus Stadtgebiet oder Autobahn, den Blick wahlweise auf die Uhr oder das Nummernschild des Vordermanns geheftet. Wer an einem gewöhnlichen Werktag auf der Bundesstraße 292 zwischen Helmstadt und Waibstadt unterwegs ist, kennt dieses Bild nur zu gut. Seit mehr als vierzig Jahren wird über die drückende Verkehrslast auf der wichtigsten Verbindung zur Autobahn 6 debattiert. Seit über zehn Jahren liegen konkrete Pläne für eine spürbare Entlastung in den Schubladen der Behörden. Doch das Tempo auf dem Asphalt spiegelt sich nahtlos im Fortgang der Planungen wider: Es geht, wenn überhaupt, nur im Schneckentempo voran.

Der schier endlose Weg

Ein Blick zurück: Exakt 41 Jahre ist es her, dass die weitreichenden Pläne für eine große „Odenwald-Autobahn“ endgültig zu den Akten gelegt wurden. Als pragmatische Ersatzlösung sollte stattdessen die B 292 auf insgesamt 24 Kilometern zu einer leistungsstarken, dreistreifigen Ader ausgebaut werden. Das grundlegende Gesamtkonzept dafür liegt bereits seit dem Jahr 1990 vor. Zwar wurden in den darauffolgenden Jahrzehnten tatsächlich 16 Kilometer der Strecke realisiert – doch an dem verbliebenen Nadelöhr zwischen der Daisbacher Höhe und Helmstadt reibt sich das Vorhaben seitdem beharrlich auf. In den Jahren 2015 und 2016 herrschte Aufbruchstimmung. Die Säle in den Rathäusern von Waibstadt und Helmstadt waren bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Pläne des Regierungspräsidiums (RP) Karlsruhe für einen durchgehenden dreistreifigen Ausbau auf rund sechs Kilometern Länge schienen zum Greifen nah. In hitzigen, aber produktiven Workshops brüteten Bürger, Kommunalpolitiker und Straßenplaner über großformatigem Kartenmaterial. Man rang um Lärmschutzwände, den Fortbestand des örtlichen Supermarkts und kreuzungsfreie Zufahrten. Rund 71 Millionen Euro, so die damalige Schätzung, sollte der Befreiungsschlag kosten. Baubeginn? Für viele Beteiligte war das Jahr 2020 eine ausgemachte Sache.

Warum geht es nicht weiter

Heute, im Februar 2026, ist das Jahr 2020 längst verblichene Geschichte. Von Erdschiebern oder Asphaltfräsen fehlt auf der Strecke jede Spur. Stattdessen bestätigt das zuständige Regierungspräsidium auf aktuelle Nachfrage nüchtern, dass das Gesamtprojekt von einer flächendeckenden Umsetzung denkbar weit entfernt ist. Die Planer haben umgeschwenkt – von der großen Lösung zur behördlichen Salami-Taktik. Der Ausbau wird nun in „verkehrswirksame Teilabschnitte“ zerlegt, die mühsam einzeln bearbeitet und veranschlagt werden.

b292 am abzweig daisbach bei waibstadt 6

Das erste Teilstück des Ausbaus umfasst die Kreuzung und gerade mal 220 Meter Fahrbahn

Das Ergebnis: Für weite Teile der Strecke fehlt bis heute schlicht das Baurecht. Fragt man beim RP nach, ob in absehbarer Zeit mit einem Planfeststellungsverfahren für die Gesamtstrecke zu rechnen sei, fällt die Antwort lakonisch aus: „Nein.“ Man könne die Planung im aktuellen Stadium noch nicht auf eine Vorzugsvariante festlegen. Einen verlässlichen Zeitpunkt für einen flächendeckenden Baubeginn? Den gibt es nicht.

Die Gründe sind komplex

Dass die Pläne derart feststecken, liegt an einer Trassenführung, die auf wenigen Kilometern die unterschiedlichsten Konflikte unserer Zeit bündelt. Während der westliche Abschnitt ab der Daisbacher Höhe bis Waibstadt geografisch noch überschaubar bleibt und sich zumindest in der Entwurfsplanung befindet, türmen sich im östlichen Bereich zwischen Waibstadt und Helmstadt die physikalischen und rechtlichen Hürden. Hier verharrt das Vorhaben tief in der Variantenuntersuchung.
Die Landschaft fordert ihren Tribut: Kurz vor dem Abzweig nach Neckarbischofsheim soll die Bundesstraße künftig die Bahntrasse kreuzen und auf die andere Seite schwenken. Eine massive neue Brücke wird nötig sein, unter der die Regionalzüge künftig hindurchtauchen. Noch heikler wird es am Helmstadter Wasserschutzgebiet. Derzeit durchschneidet die alte, zweistreifige Piste ungeschützt die Zone II der Trinkwasserbrunnen. Wer hier baggern und asphaltieren will, stößt auf ein massives Bollwerk aus umweltrechtlichen und wasserbaulichen Vorgaben. Ein komplexes Geflecht aus Gutachten und Abstimmungen ist die Folge – Prozesse, die nicht in Monaten, sondern in Jahren gemessen werden.

So soll die neue B 292 aussehen

Für die Anwohner und Autofahrer bedeutet das vor allem: Durchatmen und weiter warten. Dabei sind die Visionen für die Ausbaustrecke durchaus weitreichend. Um den ständigen Stau an den Zu- und Abfahrten aufzulösen, zeichnen die Pläne großzügige, teils doppelte Kreisverkehre in die Landschaft , die an die Dimensionen moderner Autobahnzubringer erinnern. Dazu kommen massive Eingriffe in die bestehende Infrastruktur: Von den drei Brücken, die in Waibstadt die Bundesstraße überspannen, muss eine komplett weichen und neu errichtet werden, ebenso wie die Unterführung des Schwarzbachs. Sogar eine 20 Meter lange Wildüberführung nahe der Daisbacher Höhe ist auf dem Papier bereits skizziert.
Weniger greifbar ist für die Anlieger in Waibstadt und Helmstadt der lang ersehnte Lärmschutz – er bleibt vorerst ein theoretisches Konstrukt. Zwar existiert für den Abschnitt Waibstadt mittlerweile eine schalltechnische Untersuchung. Die Dezibel-Werte wurden jedoch – wie rechtlich üblich, aber für Betroffene oft unbefriedigend – auf Basis von Verkehrszahlen am Schreibtisch berechnet und nicht etwa nachts im heimischen Schlafzimmer gemessen. Gebaut ist von den versprochenen 4.450 Metern Lärmschutzwand ohnehin noch kein einziger Zentimeter.

3,6 Prozent der Baustrecke sollen nächstes Jahr in Angriff genommen werden

Ein Datum für erste sichtbare Erdbewegungen lässt sich dem Regierungspräsidium dann aber doch entlocken: 2027. Im kommenden Jahr soll der Baustart erfolgen, konkret am Knotenpunkt der B292 mit der Kreisstraße 4281 an der Daisbacher Höhe. Die Ausschreibung für die Bagger rollt gerade an. Doch wer nun das baldige Ende des Nadelöhrs herbeisehnt, muss tapfer sein: Dieser erste, baureife Abschnitt umfasst den Umbau der Einmündung und – laut behördlicher Bestätigung – exakt 220 Meter neue Bundesstraße. Nach diesen 220 Metern von insgesamt sechs Kilometern endet der Ausbau vorerst wieder.

Wie es nach diesem symbolischen Spatenstich in Richtung Waibstadt weitergeht, ist derzeit reines Papier. Der direkt anschließende zweite Bauabschnitt befindet sich laut RP noch in der Entwurfsplanung. Das Ziel der Behörde: Ende 2026 soll dieser Entwurf fertig sein und den Ministerien zur Genehmigung auf den Tisch flattern. Doch selbst wenn dieser Termin auf den Monat genau gehalten wird, winken Fachleute ab. Eine ministerielle Genehmigung bedeutet noch lange kein Baurecht. Dafür braucht es ein formelles Planfeststellungsverfahren. Erst wenn das ohne erfolgreiche juristische Gegenwehr abgeschlossen ist, dürfen Aufträge vergeben werden. Ohne unvorhergesehene Stolpersteine oder Klagen, so die eiserne Erfahrung bei solchen Infrastrukturprojekten, vergehen vom Einreichen des Entwurfs bis zur Ankunft der ersten Maschinen gut und gerne vier bis sieben Jahre. Wer also auf einen zügigen Weiterbau der B292 hofft, sollte einen langen Atem mitbringen: Ein realistischer Baustart für die restliche Strecke bis Waibstadt rückt damit frühestens in die Jahre 2031 bis 2034.

b292 am abzweig daisbach bei waibstadt 8

Stromleitungen über der Fahrbahn sind schon verschwunden. Ob das den Bau erleichtert?

In den Rathäusern entlang der Strecke sitzen mittlerweile neue Bürgermeister, die die dicken Aktenordner ihrer Vorgänger geerbt haben. Die Welt hat sich weitergedreht, Stromleitungen über der Fahrbahn sind verschwunden, aber das Kernproblem bleibt: Die B 292 ist die Lebensader für den Schwerlastverkehr aus und in Richtung A 6, doch sie hat den Charme und die Sicherheit einer überlasteten Landstraße aus dem letzten Jahrhundert. Rund 19.000 Fahrzeuge quälen sich hier täglich durch die Kurven, oft Stoßstange an Stoßstange hinter den 40-Tonnern.
Kommentar unserer Redaktion

Während die Politik in Berlin und Stuttgart gebetsmühlenartig den „Bau-Turbo“ und die Planungsbeschleunigung beschwört, erleben die Menschen an der B 292 in Waibstadt und Helmstadt ein planerisches Debakel in Zeitlupe. Was 2016 noch als Aufbruch mit Bürger-Workshops und einem Baustart für 2020 angekündigt wurde, ist zehn Jahre später zu einem Lehrstück für bürokratischen Stillstand geworden.

Dass das Regierungspräsidium heute – exakt ein Jahrzehnt nach den großen Versprechungen – für den Hauptabschnitt erneut über „Variantenuntersuchungen“ spricht, ist ernüchternd. Plötzlich angeführte Hindernisse wie Starkstromleitungen oder komplexe Bahnquerungen wirken nach 40 Jahren Gesamtdiskussion eher wie eine bequeme Ausrede, um das Projekt im Stapel der unerledigten Akten ganz nach unten zu schieben. In Zeiten klammer öffentlicher Kassen drängt sich der Verdacht auf: Was sich in endlosen Vorprüfungen verstrickt, kostet erst einmal kein Bau-Geld.

Was bleibt, ist die Gewissheit, dass die 75 Millionen Euro, die einst als Kostenpunkt durch die Schlagzeilen geisterten, angesichts der aktuellen Baupreise wohl eher als Anzahlung zu verstehen sind. Und während die Brückenprüfer alle drei Jahre brav die Standfestigkeit der Überführungen in Waibstadt bestätigen, warten die Bürger weiterhin auf den großen Wurf.

Die Salami-Taktik, mit der nun der Umbau der Daisbacher Höhe für 2027 als Erfolg verkauft wird, täuscht nicht darüber hinweg, dass die eigentlichen Probleme – der fehlende Lärmschutz in den Ortslagen und die Entschärfung der Unfallschwerpunkte – auf dem Abstellgleis gelandet sind. Wer den Krach der vorbeirasenden Fahrzeuge auf das Stockwerk genau berechnet, aber am Ende nur 220 Meter Baustrecke als Fortschritt verkauft, hat den Anschluss an die Realität längst verloren. Die Welt redet über Beschleunigung und an der B 292 wird weiter geplant, geprüft und vertagt. Sollte das Tempo so bleiben, wird die Generation, die die ersten Planungen mitgemacht hat, die Fertigstellung wohl kaum noch hinter dem Steuer erleben.

Redaktion
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