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Wenn die Helfer vor Ort nicht mehr vor Ort sind

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Wenn die Helfer vor Ort nicht mehr vor Ort sind
Maximilian Klaritsch von den Helfern vor Ort Neckarbischofsheim

Innenministerium will Ehrenamtliche entlasten

Auf den Dörfern kennt man diese Minuten. Es sind die Minuten zwischen dem Notruf und dem ersten Martinshorn in der Straße. In Neckarbischofsheim, Schwarzach oder Helmstadt-Bargen bedeutet das oft: Noch bevor Rettungswagen oder Notarzt eintreffen, ist schon jemand da. Ein Nachbar, oft sogar rettungsdienstlich ausgebildeter Sanitäter, der eine schnelle medizinische Ersteinschätzung macht und dann eine Lagemeldung an die Leitstelle abgibt oder die aufgeregten Eltern bei einem Kindernotfall beruhigt. Einer, der den Ort kennt, die Abkürzung auch, und der nicht erst aus der Ferne anfahren muss. Genau auf diese ersten Minuten richtet sich nun ein Streit, der seit Tagen durch die Ortsvereine läuft.

Auslöser ist ein Schreiben des baden-württembergischen Innenministeriums vom 24. März. Darin kündigt das Haus an, die Alarmierung von Helfer-vor-Ort-Gruppen landesweit verbindlich an einen neuen Einsatzstichwortkatalog zu koppeln. Ziel sei eine „landesweit einheitliche und zugleich bedarfsgerechte Alarmierungspraxis“. Gleichzeitig sollten die HvO-Gruppen entlastet werden; alarmiert werde künftig grundsätzlich nur noch bei speziellen Einsätzen der Notfallkategorie 1. Das Ministerium begründet die Neuregelung mit Eigenschutz, einer sachgerechten Begrenzung der Alarmierungsfrequenz und dem medizinischen Nutzen für die Patienten.

„Sparkurs auf Kosten der Sicherheit“

Die Wut an der Basis ist gewaltig und hat längst die Politik erreicht. „Ich sehe das sehr kritisch. Für mich wirkt das wie ein Sparkurs auf Kosten der Sicherheit der Bürger“, findet Neckarbischofsheims Bürgermeister Thomas Seidelmann deutliche Worte. Er spricht nicht von einem „Nice-to-have“, sondern von einem entscheidenden Faktor in der Rettungskette. Dass seine HvO-Gruppe inzwischen sogar Notfälle in Helmstadt-Bargen mit abdeckt und gemeinsam auf über 400 Einsätze im Jahr kommt, zeige die enorme Leistungsfähigkeit. „Die Realität im ländlichen Raum lässt sich nicht allein am Schreibtisch bewerten“, so Seidelmann, der sein Unverständnis bereits direkt Richtung Stuttgart geschickt hat.

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Patrick Haag von den Helfern vor Ort Schwarzach

Das Innenministerium begründet den Schritt offiziell mit dem „Schutz des Ehrenamts vor Überlastung“ und dem „Eigenschutz“. Man wolle eine „bedarfsgerechte Alarmierungspraxis“ und die Helfer nicht in gefährliche Lagen schicken. Doch in den Ortsvereinen sorgt diese Fürsorge für fassungsloses Kopfschütteln. „Warum sollen wir ehrenamtlich entlastet werden?“, fragt Klaritsch. „Wir können Einsätze annehmen, wie wir wollen und können. Keiner bei uns ist überlastet.“ Patrick Haag, Leiter der HvO Schwarzach, wird noch deutlicher: „Wir wollen keine Entlastung! Wir leben von Spenden und müssen sichtbar sein. Im schönsten Fall geben wir unseren Unterstützern das Leben zurück.“

Patrick Haag von den Helfern vor Ort Schwarzach 2

Die Ausstattung der Einsatzfahrzeuge ist enorm

Der Kern des Protests liegt in der Unvorhersehbarkeit des Notfalls. Das Ministerium arbeitet mit einer „Positivliste“: Kreislaufstillstand, akute Atemnot, Thoraxschmerz oder schwere Traumata stehen drauf. Doch was ist mit dem Rest?

Notrufe sind oft „Überraschungs-Ei“

„Synkope – also kurzzeitige Bewusstlosigkeit – ist das größte Überraschungs-Ei in der Medizin“, erklärt Maximilian Klaritsch. Er erinnert sich an einen Einsatz, der als „Synkope“ gemeldet wurde. Vor Ort lag der Mann im Flur – Kreislaufstillstand. Die schnelle Rückmeldung der HvO veranlasste die Alarmierung eines Notarztes. Der wiederum rief einen Hubschrauber dazu. Nach der neuen Logik wäre er gar nicht erst alarmiert worden. Wenn die Leitstelle schärfer filtert, bleibt die schnellste Hilfe in der Garage. In Schwarzach sind die Helfer in der Regel in unter fünf Minuten vor Ort, der Rettungswagen aus Mosbach oder dem Kreis Bergstraße braucht oft doppelt so lange. „Dass man Menschenleben in Kauf nimmt, klingt hart, aber ist so“, bilanziert Haag. Er erinnert an die erfolgreiche Wiederbelebung einer jungen Frau in Neunkirchen: Ein Helfer war nach zwei Minuten da. Ein Zeitvorteil, der über Leben und Tod entschied. Auch Geburten, Betriebsunfälle oder Einsätze gemeinsam mit der Feuerwehr würden aus seiner Sicht seltener oder gar nicht mehr mitalarmiert werden.

Der Schutz, den keiner bestellt hat

Das Ministerium unterstellt den Gruppen teils eine lückenhafte Ausbildung und rechtfertigt so den „Schutz“. Doch wer in Neckarbischofsheim in das Einsatzfahrzeug blickt, sieht Profi-Equipment und Profi-Personal: Notfallsanitäter, Anästhesie-Fachkräfte und sogar eine Kinder-Fachkrankenschwester gehören zum sechsköpfigen Team.

Allein im letzten Quartal gab es 15 Kindernotfälle, oft Pseudokrupp. „Wir haben extra eine Kindernotfall-Tasche angeschafft“, so Klaritsch. In der neuen Liste des Landes tauchen Kindernotfälle, Geburten oder Betriebsunfälle nicht einmal explizit auf. Das gefährdet nicht nur Patienten, sondern auch die Finanzierung. Zwei Fahrzeuge kosten die Gruppe rund 10.000 Euro im Jahr. „Wenn wir nicht mehr fahren, bleiben die Spenden aus. Ein bewährtes, spendenfinanziertes System, das das Land keinen Cent kostet, wird ohne Not demoliert“, meint Klaritsch.

Maximilian Klaritsch von den Helfern vor Ort Neckarbischofsheim 5

Die HvO werden viel seltener ausrücken, schätzt Maximilian Klaritsch

Im Innenministerium versucht man auf Anfrage unserer Redaktion die Wogen zu glätten – und schiebt den schwarzen Peter weiter. Die Reform sei das Ergebnis eines „langen Evaluations- und Beteiligungsprozesses“, an dem auch die Landesverbände des DRK, der Johanniter und des ASB mitgewirkt hätten. Das Ziel: Schluss mit dem „Wildwuchs“ bei der Alarmierung. Bisher habe jede Leitstelle ihr eigenes Süppchen gekocht – von zehn Stichworten bis hin zur Alarmierung bei jeder Blaulichtfahrt sei „alles dabei gewesen“.

Dass die Helfer an der Basis nun Sturm laufen, erklärt man sich im Ministerium mit Funkstille in den Verbänden: Der Informationsfluss innerhalb des DRK habe wohl „an der ein oder anderen Stelle gestockt“, lässt das Ministerium verlauten. Man wolle das Gespräch nun noch einmal suchen.

Hintertür für den Disponenten

Die Liste der 50 Stichworte sei kein eisernes Gesetz. „Im Zweifel entscheidet der Leitstellendisponent, nicht die Liste“, so Patrick Knapp vom Innenministerium gegenüber Jack News. Wenn das Lagebild es erfordert, könne die Hilfe vor Ort jederzeit hinzugezogen werden – auch bei einem Verkehrsunfall.

Zudem sei die Reform ein lernendes System: Nach einem halben Jahr, voraussichtlich noch Ende 2026, wolle man die Regeln prüfen und bei Bedarf nachjustieren. CDU-Landtagsabgeordneter Albrecht Schütte wirbt auf Anfrage um Verständnis und betont, dass die Liste „grundsätzlich sinnvoll“ sei und Disponenten weiterhin Spielraum hätten. Zeitgleich rollt eine Lawine durch das Land: Eine Online-Petition gegen die Einschränkungen zählt bereits über 30 000 Unterschriften. Der Vorwurf: Man opfere Sicherheit für eine zweifelhafte statistische Einheitlichkeit.

Patrick Haag will einen Brief an Ministerpräsident Kretschmann schicken – eine Bitte in letzter Minute. Sein Credo: „Jeder, der Hilfe braucht, soll sie kriegen.“ In Stuttgart scheint man das derzeit eher durch die Brille der Risikominimierung zu sehen. Wer auf dem Land lebt, kann nur hoffen, dass sein Notfall in die richtige Kategorie passt – oder dass der Disponent in der Leitstelle mutiger ist als das Ministerium.

Redaktion
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